252 Buch II. Kap. 3.
lust bieten, wie viel Gelegenheit gaben sie modischen
Stadtdamen, sich im besten Staat sehen und bewundern
zu lassen! Hatte doch die Kirche dafür gesorgt, den ganzen
Kultus sinnlich-anziehend, ja künstlerisch zu gestalten,
und wußte sie doch sogar das Vergnügen der Menschen
an theatralischen Darstellungen in den kirchlichen Schauspielen,
in den aus der altchristlichen Liturgie herausgebildeten
„Mysterien “, zu einem Kultakt zu machen 104).
leiblichen Vorzüge ein Frankfurter von damals an seinem Liebchen
preiswürdig fand; denn das Ständchen sagt von der angesungenen
Jungfrau: —
Sie ist gar ohn Argelist,
An Zucht und Ehren ihr nit gebrist;
Sie ist auch aller Tugend voll,
Was sie thut, das ziembt ihr wohl.
Sie ist so tugendhaft und fein
Und leucht recht als der Sonnenschein;
Sie gleicht auch wohl dem hellen Tag,
Kein Mensch ihr Lob schön preisen mag.
Sie hat ein rosenfarben Mund,
Zwei Wängelein fein zu aller Stund;
Sie hat ein schönes goltfarb Haar,
Zwei Aeugelein lauter und klar.
Ihr Zähn sind weiß als Helfenbein,
Ihre Brüstlein die sind rund und klein,
Ihre Seiten die sind dünn und lang,
Ihre Händlein schmal und dazu blank,
Ihre Füßlein schlecht und nit zu breit. —
Der Ehren Kron sie billich freit.
104) Manchmal gestalteten sich diese kirchlichen Schauspiele,
welche insbesondere zur Weihnachts= und Osterzeit aufgeführt wur-