Full text : Der Mündliche Vortrag. Dritter Teil. Schönheit des Vortrags. (3)

40  Die  Melodie  der  Sprache.

8  23.  Dem  Gesetze  daß  man  das  Versmaß  und  den  Reim
nicht  besonders  hervorheben  solle  widersprechend  gibt  es  einzelne
Fälle,  wo  man  beides  dennoch  thun  muß.  Diese  einzelnen  Fälle
gehören  zu  dem  Kapitel  von  der  Tonmalerei  und  werden  dort
(6  50)  näher  erörtert  werden.

Der  Vers  ist  eine  besonders  sorgfältig  ausgebildete,  künstliche
Form  der  Sprache,  gewissermaßen  das  Festgewand  derselben.
Diesem  besonders  künstlichen  Bau  muß  folgerichtig  auch  der  Inhalt
entsprechen.  D.  h.  wenn  der  Dichter  in  die  Form  von  Versen  seine
Gedanken  kleidet,  so  müssen  diese  Gedanken  nicht  gewöhnlichen,
alltäglichen  Inhalts,  sie  müssen  dichterisch,  müssen  schön,  tief
empfunden,  erhaben  u.  s.  w.  sein,  damit  sie  das  Gewand  des
Verses,  das  sie  tragen,  rechtfertigen,  verdienen.  Da  nun  der  Inhalt
des  Vorzutragenden  die  Art  und  Weise  des  Vortrags  bedingt,  so
wird  für  Verse  überhaupt  auch  der  Ton  des  Vortrags  ein  gehobener,
ein  sorgfältigerer,  ein  edlerer  sein  müssen,  als  der  Ton  des  bloßen
Gesprächs,  der  einfachen  Erzählung  u.  s.  w.  Ueber  diesen  gehobenen
Ton  wird  die  Lehre  von  den  Tonfarben  nähere  Auskunft  geben.
Hier  genüge  vorläufig  der  Grundsatz:  Der  sorgfältigen,  künstlichen
  Form  der  Sprache  im  Verse  muß  auch  ein  sorgfältiger,
  gehobener  Ton  des  Vortrags  entsprechen.

Die  Melodie  der  Sprache.

§  24.  Der  Ausdruck:  eine  Sprache  habe  Melodie  oder:
eine  Dichtung  sei  melodisch,  wird  sehr  häufig  gebraucht.  Das
Wort  Melodie  gehört  zunächst  in  die  Musik  und  das  Wesen
derselben  ist  eine  gefällige,  in  das  Ohr  fallende  Abwechslung
von  hohen  und  tiefen  Tönen.  Meistens  wird  die  Melodie
von  dem  Rhythmus  unterstützt  und  die  Abwechslung  von  hohen
und  tiefen  Tönen  mit  dem  Rhythmus  verbunden  bildet  das,
was  man  gewöhnlich  Melodie  nennt.  Doch  gibt  es  in  der  Musik
auch  Melodie  ohne  Rhythmus,  wie  im  Choral.  Da  nun  in  der
Sprache  die  Tonhöhe  oder  die  Stimmlage  immer  dieselbe  bleiben
und  nur  sehr  wenig  wechseln  soll,  so  kann  die  Melodie  der  Sprache
nicht  wie  die  der  Mufik  in  einem  angenehmen  Wechsel  von  hohen
und  tiefen  Tönen  bestehen.  Niemandem  wird  es  einfallen  das
Sinken  des  Tones  am  Schlusse  der  Sätze  melodisch  zu  nennen,
niemand  wird  diejenigen  Mundarten  melodisch  nennen,  die
wirklich  die  Tonhöhe  vielfach  wechseln  lassen  und  einen  förmlich