Full text : Deutschlands auswärtige Politik 1888-1914.

80  2.  Abschnitt.  Weltpolitische  Mühen  ohne  zureichende  Mittel.  1895—19os.

 

vor  allem  fördern  und  ausbreiten  wollte,  der  englischen  Flotte  hilflos
preisgegeben  waren.  Man  steht  vor  einem  Nätsel,  wenn  man  nicht  annehmen
  will,  daß  Marschall  an  ein  Nachgeben  Großbritanniens  glaubte
oder  auch  der  Ansicht  war,  das  amtliche  Großbritannien  werde  nicht  nur
formal,  sondern  sachlich  von  Cecil  Rhodes  und  seiner  Politik  abrücken.

Die  Deutsche  Regierung  kann  damals  nicht  über  die  Stärke  der  in
und  für  Südafrika  treibenden  britischen  Kräfte  unterrichtet  gewesen  sein.
Man  hatte  auch  keinen  Anhalt  gehabt,  um  die  Wirkung  auf  die  Stimmung
der  öffentlichen  Meinung  in  England  vorher  zu  ermessen.  Sie  trat  nach
der  Depesche  mit  einer  Heftigkeit  auf  den  Plan,  die  sicherlich  nicht  erwartet
  worden  war.  Sie  gestattete  der  britischen  Regierung  eine  tatsächliche
  Bewegungsfreiheit,  die  sie  sonst  nicht  gehabt  hätte,  und  stützte
mit  entscheidender  Kraft  den  imperialistischen  Gedanken,  welcher  sich  damals
  in  der  Person  Nr.  Joseph  Chamberlains  zu  vereinigen  begann.
Die  Ausbrüche  der  öffentlichen  Meinung  in  Großbritannien  ließen  keinen
Zweifel  darüber,  wie  tief  der  Gedanke  eines  großen  geeinten  britischen
Südafrika  schon  in  Fleisch  und  Blut  der  britischen  Nation  eingedrungen  war.

Der  Kolonialsekretär  Mr.  Chamberlain  sprach  sich  damals  mit  Offen--heit
  aus,  als  er  auf  die  Angriffe  antwortete,  die  von  englischen  Liberalen
gegen  ihn  gerichtet  worden  waren:  Das  Ziel  jeder  britischen  Regierung
in  Südafrika  sei  die  Erhaltung  der  Stellung  Englands  als  die  der  dort
vorherrschenden  Macht  (paramount  power).  Diese  Stellung  sei  durch
bereitwillige  Hingabe  von  Gut  und  Blut  gewonnen,  ohne  welche  es  ein
Südafrika  im  Sinne  des  Gebrauchsowortes  jetzt  nicht  geben  würde.  Das
zweite  Ziel  der  englischen  Politik  sei  die  Herstellung  eines  Zustandes,
wie  er  in  Kanada  bereits  mit  bestem  Erfolge  berbeigeführt  worden  sei.
Es  sei  der  höchste  Wunsch  Cecil  Rhodes'  gewesen,  auf  friedlichem  Wege
eine  Vereinigung  aller  südafrikanischen  Staaten  zu  einem  gemeinsamen
Ziele  herbeizuführen,  unter  dem  Schutze  der  britischen  Flagge.  Leider
habe  er  diese  Absicht  nicht  durchführen  können,  aber  sein  Ziel  müsse  dasjenige
  jeder  britischen  Regierung  bleiben.

Blicken  wir  auf  die  seitdem  vergangenen  Jahre  zurück,  so  erscheinen
jene  Worte  Chamberlains  als  das  programmatische  Bekenntnis  eines  weitblickenden
  Staatomannes,  der  weiß,  was  er  will.  Chamberlain  hatte  von
seinem  Standpunkte  aus  mit  der  Feststellung  recht,  daß  jede  britische  Regierung
  —  wie  nun  einmal  die  Berhältnisse  in  Südafrika  gestaltet  worden
waren  —  die  Bereinigung  unter  der  britischen  Flagge  anstreben  müsse.
Oie  englischen  Minister  konnten  mit  Recht  fragen:  welche  Macht  ist  willens
und  imstande,  uns  zu  hindern?  Oie  europäische  Konstellation  war  allen
derartigen  Plänen  seit  1890  günstig.  Obendrein  hatte  nach  der  Krügerdepesche
  der  französische  Botschafter,  in  London  der  britischen  Regierung