Metadaten : Untersuchungen und Aktenstrücke zur Geschichte der Reichsgründung.

Preußisches  Memorandum  1848  Dezember  19.  305

Das  Gefühl  der  Gemeinsamkeit  hat  sich  unter  den  Deutschen  so  stark  und  in  solcher
Allgemeinheit  ausgesprochen,  und  dringt  mit  solchem  Ernst,  namentlich  auf  die  Verschmelzung
  der  materiellen  Interessen,  daß  es  zum  Teil  für  die  Staaten  Deutschlands
  eine  Lebensfrage  geworden  ist,  demselben  die  Befriedigung  nicht  zu  versagen.
Die  Gemeinschaftlichkeit  des  Jollwesens,  des  Handels=  und  Wechselrechts,  die  Einheit
  in  Münze,  Maß  und  Gewicht,  in  den  Mitteln  für  den  allgemeinen  Verkehr,
und  in  möglichster  Ubereinstimmung  in  der  allgemeinen  Gesetzgebung  sind,  neben
manchem  anderen  für  einen  großen  Teil  Deutschlands  dringendes  Bedürfnis  geworden,
  und  werden  so  unabweislich  gefordert,  daß  dies  einer  der  wesenklichsten
Punkte  sein  muß,  auf  welche  der  Bund  forkan  sein  Augenmerk  zu  richten  haben  wird.
Ebenso  haben  gerade  die  letzten  Zeiten  herausgestellt,  wie  nokwendig  eine  größere
Konzentrierung  und  dadurch  zu  erreichende  Kräftigung  der  deutschen  Wehrverfassung
  ist;  und  wenngleich  auch  hierin  gewisse  Grenzen  nicht  überschritten  werden
dürfen,  um  die  Selbständigkeit  derjenigen  Regierungen  zu  wahren,  welche  der  Größe
ihrer  Länder  nach  überhaupt  einen  Anspruch  darauf  haben  können,  als  selbständige
Körper  in  der  Heeresverfassung  dazustehen,  so  dürfte  doch  eine  eingreifende  Organisierung
  des  gesamten  deutschen  Heerwesens  unabweislich  erscheinen.  Dabei  ist  wohl
kaum  in  Abrede  zu  stellen,  daß  einzelne  deutsche  Staaten  sich  in  einem  Zustande
befinden,  der  die  Gefahren  der  Anarchie  in  nahe  drohende  Aussicht  stellt,  sofern
nicht  gerade  durch  ein  engeres  Jusammenziehen  des  Bundesverhältnisses  diese
Gefahr  abgewehrt  wird.  Das  Streben  nach  einer  stärkeren  deutschen  Einheit  ist
in  einem  großen  Teile  Deutschlands  gerade  durch  die  Befürchtungen  vor  dem  drohenden
  Ausbruch  der  Republik  begründet.

Auf  der  anderen  Seite  läßt  sich  nicht  verkennen,  wie  wohlbegründet  die  Schwierigkeiten
  sind,  welche  das  Memorandum  bei  einer  Beteiligung  Österreichs  an  diesen
Bestrebungen  zu  einer  größeren  und  einigeren  Verbindung  und  Durchdringung
der  deutschen  Interessen  hervorhebt.  Das  Streben  der  größten  Mehrzahl  der  Bewohner
  der  österreichischen  Monarchie  nach  Konstikuierung  eines  einheitlichen  und
durch  seine  Einheit  gekräftigten  Staates  muß  als  ein  ebenso  berechtigkes  anerkannt
werden,  als  das  Streben  nach  einer  deutschen  Einigung,  und  es  wird  gern  zugegeben,
  daß  die  öfterreichische  Regierung  dieser  öffentlichen  Meinung  Rechnung  zu
kragen  nicht  umhin  kann.  Es  liegt  daher  in  der  Natur  der  Sache,  daß  Österreich
nur  bis  zu  einer  gewissen  Grenze  auf  die  eben  bezeichnete  Gemeinsamkeit  der  materiellen
  Beziehungen  und  Interessen  eingehen  kann,  und  schwerlich  in  dem  vollen
Maße,  wie  es  für  das  übrige  Deutschland  unabweisliches  Bedürfnis  ist;  und
Deutschland  kann  von  Österreich  nicht  fordern,  daß  es  seine  deutschen  Provinzen
virtuell  in  ihrer  Gesetzgebung  und  Verwaltung  von  der  hierfüro  unzertrennlichen
Gemeinschaft  mit  ihren  außerdeutschen  Staaksgenossen  loslöse.

Wenn  daher  für  die  allgemeinen  Verhältnisse  Deutschlands  und  die  Stellung
HOsterreichs  innerhalb  des  letzteren  nur  ein  dem  bisherigen  Staatenbunde  analoges
Verhältnis  maßgebend  bleiben  kann,  so  scheint  doch  nichts  im  Wege  zu  stehen,  daß
das  übrige  Deutschland  in  dem  Gefühle  jener  Bedürfnisse  sich  zu  einem  engeren
Verbande  konsolidiere,  und  seine  Angelegenheiten  in  einer  Weise  ordne,  welche
diesen  Bedürfnissen  und  den  Forderungen  der  öffentlichen  Stimme  entspricht.  Zu
einem  solchen  engeren  Verbande  die  Hand  zu  bieten,  würde  Preußen  in  Rücksicht
auf  die  wichtigen  dabei  in  Betracht  kommenden  Interessen  Deutschlands  nicht  allein
sich  nicht  entziehen  können,  sondern  es  würde  für  Pflicht  halten  müssen,  der  gedeihlichen
  Entwickelung  desselben,  selbst  mit  Opfern  von  seiner  Seite,  seine  Kräfte  zu
widmen.  Die  kgl.  Regierung  zweifelt  auch  nicht  daran,  daß  sich  bei  weiterer  Verständigung,
  sobald  dieselbe  ein  mal  in  der  früher  bezeichneten  Weise  in  den  rechten
Weg  geleitet  sein  wird,  die  Formel  finden  lassen  werde,  unter  welcher  das  Verhältnis
  dieses  engeren  zu  dem  weiteren  Bundesverbande  auf  eine  beiden  Teilen  gleich
förderliche  Weise  geordnet  werden  könne.

Brandenburg,  Antersuchungen.  20