Metadata : Europäischer Geschichtskalender. Dreizehnter Jahrgang. 1872. (13)

Trankreich.  357

der  Versammlung  und  sie  wird  nicht  10  Minuten  lang  Ihrem  Willen  widerstehen.
  Sie  können  unter  dieser  Regierung  nicht  einen  Augenblick  lang  an
der  Freiheit  zweifeln;  höchstens  können  Sie  in  die  Regierung  Zweifel  setzen.
Aber  ich  bitte  Sie,  haben  wir  die  Einheit  des  Geistes;  nehmen  wir  ungeachtet
einiger  Unbequemlichkeiten  das  an,  was  uns  gerecht  erscheint,  und  werden  wir
nicht  zum  Gelächter  der  Völker,  indem  wir  eine  Nation  von  Schwätzern  sind,
die  in  der  äußersten  Gefahr  nur  widersprechen  und  zu  keinem  Ziel  kommen
können.  Ich  will  Ihre  Freiheit  nicht  vermindern,  aber  ich  mache,  wie  Sie,
von  meiner  Freiheit  Gebrauch;  ich  gebrauche  die  meinige,  indem  ich  mich  erschöpfe,
  einzig  und  allein  in  dem  Zweck,  das  Gute  zu  thun,  und  in  den  patriotischsten
  Absichten.  Johnston:  Der  Hr.  Präsident  der  Republik  hat  geltend
  gemacht,  daß  die  von  der  Commission  vorgeschlagene  3proc.  Besteuerung
ad  valorem  durch  die  Handelsverträge  untersagt  wäre,  wogegen  diese  dem  Regierungsprojekt
  einer  20proc.  Besteuerung  mit  Drawback  nichts  entgegenhielten.
Diese  Behauptung  entspricht  nicht  dem  Text  der  Verträge.  (Redner  verliest
die  einschlägigen  Bestimmungen.)  Die  Regierung  kann  die  Einfuhr  von  Rohstoffen
  nicht  besteuern,  ohne  die  einheimischen  Nohstoffe  mit  derselben  Steuer
zu  belegen;  wenn  sie  auf  fremde  Wollen  90  Cent.  erheben  will,  muß  sie  auch
von  der  französischen  Wolle  90  Cent.  fordern,  was  ein  harter  Schlag  für
unsere  Viehzucht  wäre.  Man  kann  ohne  Zweifel  die  Verträge  kündigen;  aber
darüber  vergienge  ein  Jahr,  so  daß  man  heuer  die  neue  Steuer  noch  nicht
erheben  könnte.  Thier  s:  Die  fremden  Cabinete  haben  bis  jetzt  die  Verträge
in  demselben  Sinn  ausgelegt,  wie  wir;  will  man  ihnen  denn  eine  Waffe  zu
Interpretationen  an  die  Hand  geben,  die  unseren  Interessen  zuwider  liefen?
Der  Compensationszoll  wurde  niemals  bestritten;  man  weiß  im  Auslande,
daß  Frankreich  seine  Tarife  nicht  aus  bloßer  Laune  oder  Bosheit  verändern
wird.  Wozu  also  hier  Bemerkungen  vorbringen,  deren  sich  die  englische  Diplomatie
  bemächtigen  könnte,  um  uns  Schwierigkeiten  zu  machen?  Man  bedenke,
  daß  man  hier  vor  der  Oeffentlichkeit  sprichtt  Herzog  Decazes  muß
ebenfalls  dem  Präsidenten  der  Republik  mit  aller  Achtung  sagen,  daß  er  sich
geirrt  hat.  Hr.  Casimir  Périer  selbst  hat  anerkannt,  daß  man  unterhandeln
müsse,  um  eine  Besteuerung  der  Rohstoffe  einführen  zu  können.  Die  auswärtige
  Diplomatie  weiß  das  von  selbst  und  erfährt  von  uns  nichts  Neues.
Im  Wege  der  Unterhandlung  mit  den  fremden  Mächten  wird  man  aber  leichter
den  Vorschlag  der  Commission,  als  den  der  Regierung  durchsetzen.  Die  Wahrheit
  ist,  daß  die  Regierung  mit  aller  Macht  auf  die  Kündigung  der  Verträge
hinarbeitet,  das  ist  der  Punkt,  der  uns  von  ihr  trennt.  Man  unterhandle,
aber  man  treibe  es  nicht  zum  Bruche;  die  Interessen  unserer  Ausfuhr  sind
wichtig,  und  das  Ausland  würde  es,  wenn  wir  unsere  Concessionen  zurücknähmen,
  an  Repressalien  nicht  fehlen  lassen.  Thiers:  Es  handelt  sich  hier
nicht  um  Freihandel  oder  Protektion.  Wir  wollen  keine  neue  wirthschaftliche
Revolution  durchführen,  obgleich  wir  jene  von  1861  für  eine  unglückliche  halten.
Meine  College  Casimir  Périer  wollte  nur  sagen,  daß  wir  aus  Anstandsrücksichten
  England  unsere  neuen  Tarife  mittheilen  müssen.  Vergessen  Sie  nicht,
weil  Sie  denn  als  Freihändler  sprechen,  daß  der  Handelsvertrag  Frankreich
ohne  öffentliche  Discussion  ausgezwungen  worden  ist  und  das  größte  Unheil
in  unserer  Industrie  angerichtet  hat.  Die  Eisenfabrikanten  sind  ruinirt,  der
Seehandel  ist  schwer  geschädigt.  Wenn  die  Lage  der  Industrie  im  Augenblicke
eine  bessere  ist,  so  ist  dieß  doch  nur  ein  vorübergehender  Zustand.  Noch  einmal:
  England  erkennt  die  Compensationszölle  an,  und  Sie  brauchen  einen
Tarifkrieg  nicht  zu  befürchten,  wenn  Sie  den  Vertrag  kündigen.  Wie  schädlich
ist  in  demselben  nicht  z.  B.  die  Clausel  von  den  meistbegünstigten  Nationen!
Wenn  wir  unsere  Handelsmarine  wieder  aufrichten  wollen,  so  kann  die  kleinste
Macht  des  Mittelmeeres,  so  kann  Monaco  selbst  sich  vermöge  dieser  Clausel
dem  widersetzen.  Nennen  Sie  mir,  ich  muß  es  immer  nur  wiederholen,  eine
bessere  Steuer,  als  die  von  uns  vorgeschlagene,  und  ich  werde  mich  ergeben.