Full text : Preußische Geschichte. Dritter Band. (3)

I.  Der  Bankerott  des  Fridericianischen  Staates.  329

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aber  und  ihrer  wirtschaftlichen  Blüte  erstrebten  diese  weder  noch
gewannen  sie  recht  wirkliche  Lebensgemeinschaft  mit  den  alten
Provinzen,  und  auch  prenßischerseits  wurde  kanm  recht  versucht,
  sie  dem  Staatsverbande  fest  einzufügen.  Wie  bloß  durch
Personalunion  mit  Preußen  verbunden,  lebten  sie,  von  Hardenberg
  wie  von  einem  Vizekönig  regiert,  nach  ihrem  eigenen
Gesetz  und  Recht.  Den  alten  Provinzen  an  Kultur  überlegen,
wurden  sie,  wie  das  in  solchen  Fällen  wohl  geschieht,  höchst
respektvoll  behandelt  und  möglichst  wenig  belastet.  Uebler  noch
war  es,  daß  man  ähnlich  auch  mit  den  neuen  polnischen  Landen
verfuhr.  Unter  Graf  Hoym  behielten  sie  eine  Selbständigkeit,
die  um  so  weniger  am  Platz  war,  als  hier  seine  höhere  Kultur
den  neuen  Herrn  verpflichtet  hätte  durchzugreifen  und  sie  der
Halbbarbarei  zu  entreißen,  in  die  sie  lange  Mißwirtschaft  gestürzt
  hatte.  Statt  dessen  trat  man  auch  dort  nicht  bloß  schonend,
sondern  zaghaft  auf.  Des  Segens  deutscher  Kultur  sollten  die
aller  staatlichen  Ordnung  entwöhnten  Polen  zwar  teilhaftig
werden;  daß  sie  aber  ihrerseits  auch  Pflichten  zu  übernehmen
hatten,  Pflichten,  von  denen  nichts  nachgelassen  werden  konnte,  —
das  ihnen  beizubringen,  wurde  in  menschlich  begreiflicher,  politisch
  aber  höchst  unkluger  Rücksichtnahme  kaum  versucht.  Auf
diese  Weise  ließ  sich  der  nationale  Gegensatz  freilich  nicht  begleichen
  und  der  konfessionelle  nicht  mildern.  Der  polnische
Edelmann  verschmerzte  es  nicht,  seiner  Herrenrechte  beraubt
und  dem  Gesetz  unterstellt  zu  sein.  Der  polnische  Bauer  aber
blieb  in  der  Hand  der  Geistlichen  ein  gefügiges  Werkzeug  zum
Kampf  gegen  Deutschtum  und  Protestantismus.  Die  neuen
polnischen  Unterthanen  Friedrich  Wilhelms  glaubten  nicht  daran,
daß  es  sich  um  ein  dauerndes  Verhältnis  handle,  sondern  erhofften
  baldige  Lösung  von  Preußen.  Trotz  des  wirtschaftlichen
Gedeihens,  das  sie  brachte,  erschien  ihnen  die  Herrschaft  Preußens
als  eine  Fremdherrschaft.  Gewisse  Vorgänge  konnten  sie  in
dieser  Meinung  nur  bestärken.  Als  ob  die  neue  Erwerbung
nicht  dem  Staate,  sondern  den  an  seiner  Leitung  Beteiligten
gehörte,  stürzten  sich  diese  auf  sie  wie  eine  Beute,  die  ein
glückliches  Ungefähr  ihnen  in  den  Schoß  geworfen.  Von  einer
Kolonisation  wie  unter  Friedrich  II.  in  Westpreußen  ist  ernst-