272 Dönhoff an Camphausen 1848 Ottober 6.
13. Graf Dönhoff an Camphausen.
Eigenhd. Original.
Berlin 1848. Oktober 6.
Vertraulich. E. E. vertrauliches Schreiben vom 4. ds. ist mir heute zugegangen.
Allerdings ist hier Mitte vorigen Monats — vor meinem Eintritt — verabsäumt
worden, Sie von der Idee der Teilnahme an der italienischen Konferenz zu benachrichtigen;
seitdem werden meine Schreiben vom 2. ds. und 4. ds. Ihnen zugegangen
sein, worin sich die dermalige Sachlage entwickelt findet. Hoffentlich ergibt sich
daraus selbst für die weniger vertrauungsvollen Mitglieder des Reichsministeriums,
daß diesseits keine Absicht vorgelegen hat, die Reichsgewalt zu übergehen; im
Gegenteil man würde sich sehr gerne mit der Jentralgewalt über eine gemeinschaftliche
Aktion in dieser Angelegenheit früher verständigk haben, wenn das Reichsministerium
seine Pläne in dieser Beziehung schon früher kundgegeben hätte. Ob
nunmehr noch eine Konferenz für die italienischen Angelegenheiten überhaupt zustande
kommt, steht dahin. Mit dem hiesigen Urteil und Vertrauen auf das Gelingen
der deutschen Einheitsbestrebung hängt jene Angelegenheit in der Tat nicht
zusammen. Im Gegenteil, man erfreut sich hier mit der größten Anerkennung
der energischen Wirksamkeit der Jentralgewalt gegen die Anarchie, und alle Sympathien
steigen hier in demselben Maße für die Jentralgewalt, als sie bei den Demokraten
sinken. Oer entschiedenste Wunsch herrscht vor, mit der Jentralgewalt im
engsten Einvernehmen zu handeln.
Oberstleutnant Fischer wird E. E. das Nähere hierüber, sowie darüber, was
damit zusammenhängt, angetragen haben; er kennt unsere Absichten vollständig,
und ich kann nur wünschen, daß Sie den Vorschlägen Gehör gehen, zu denen er
ermächtigt ist.
Für den Fall, daß E. E. die Idee, auf ein paar Tage herzukommen, was gewiß
sehr erwünscht wäre, nicht ausführen sollken, erbitte ich mir auch über einige Punkte
schriftlich Ihre Ansicht.
Man scheint in Frankfurk ernstlichst die Absicht der Beschleunigung des Verfassungswerks
zu haben, dabei aber doch auch den Regierungen, wenigstens Preußen,
mehr Teilnahme gestakten zu wollen wie bisher.
Denkt man sich nun diese Teilnahme aber durch ein provisorisches Staatenhaus
üben zu lassen, oder durch Mikteilung großer Teile der Verfassung zur Verständigung,
oder indem von hier aus Vorschläge gemacht würden? Er Bunsen in seiner
neusten Schrift (an den König) nehmen die Möglichkeit des provlsorischen Staatenhauses
an. Was halten E. E. davon?
Mir scheint zunächst die große Präjudizialfrage, wie sich denn Osterreich zur deutschen
Einheit, zum deutschen Bundesstaat stellt? Es ist schwer, vor Lösung dieser
Frage zu einem klaren Plan für alles übrige zu gelangen, und doch wird es nötig
werden, sich baldigst mit dieser Frage näher zu beschäftigen, wenn in der Tat in
Frankfurt die Absicht ist, nun den Kern der Dinge anzufassen, was gewiß sehr wünschenswert
ist. — Bei den Grundrechtken wären die Regierungen als solche am Ende
weniger betelligt. Das Kapitel vom Reich und der Neschögechale ist die Lebensfrage
für sie, und es wird daher für uns doppelt wichtig, E. E. Ansicht schriftlich und womöglich
mündlich darüber zu vernehmen, um im gehörigen und so nötigen Einvernehmen
weiter operieren zu können.
...—...————————————
Biöher unbekannt.
* Es I# wohl Bunsens „3weltes Sendschrelben“ vom s. Sepk. 1848 (Nippold a, stof,
ergaͤnit von Ulbrlcht 67f.) gemelnt, das in der Dat den Vorschlag zur schnellen Bildung
elnes Staatenhauses enthält, allerdings aber nicht an den König, sondern an das Parlament
gerlchlet war.