Full text : Der Weltbrand. Deutschlands Tragödie 1914-1918. Erster Band. (1)

Am  17.  Oktober  mußte  Hindenburg  auf  Ludendorffe  Vorstellung  hin  sich
entschließen,  den  ersten  Schritt  rückwärte  zu  tun.  Die  vor  Warschau  kämpfenden
Truppen  mußten  in  eine  rückwärtige  Linie  von  Rawa  bis  Lowitsch  zurückgenommen
  werden.  Hier  wurde  die  von  Mackensen  befehligte  Gruppe  des
dußersten  linken  Flügelo  am  25.  und  26.  Oktober  heftig  angegriffen  und  mußte
in  gewaltiger  Kehrtschwenkung  auf  Lodz  zurückgehen.

Immerhln  hatte  der  kecke  Vorstoß  Hindenburge  gen  Nordosten  die  Wirkung
gehabt,  die  ganze  Wucht  dee  russischen  Vorstoßes  nach  Norden  zu
ziehen  und  also  dlesenlge  Lage  zu  schaffen,  auf  welche  Conrad  gerechnet
  hatte,  als  er  bei  Beginn  seiner  zweiten  Offensive  sich  anheischig  gemacht
  hatte,  mit  seiner  Hauptmacht  den  Vorftoß  gegen  den  russischen
linken  Flügel  zu  unternehmen.  Seine  drei  Armeen  standen  jetzt  am  rechten
russischen  Sanufer  nur  noch  schwachen  russischen  Kräften  gegenüber.  Ee  wäre
seine  Sache  gewesen,  nunmehr  mit  voller  Kraft  über  den  San  zu  dringen,  die
ihm  gegenüberstehenden  russischen  Kräfte  aus  dem  Felde  zu  schlagen  und  so
den  linken  russischen  Flügel  zu  umfassen,  den  vor  Warschau  hart  ringenden
deutschen  Kameraden  Entlastung  zu  bringen  und  die  russische  Front  von  Südwesten
  her  aufzurollen.  Aber  wie  Hindenburg  vorauegesehen  hatte,  versagte
jetzt  die  öfterreichlsche  Stoßkraft.  Conrad  kam  nicht  nur  nicht  über  den
San,  die  schwachen  ihm  gegenüberstehenden  russischen  Kräfte  erzwangen  ihrerseite
  den  Sanübergang.

Da  gleichzeitig  die  vor  JIwangorod  kämpfende  österreichische  Armee  geschlagen
  wurde  und  sich  vor  dem  russischen  Angriff  statt  in  südöstlicher  Richtung
in  westlicher  auf  Radom  zurückzog,  so  zerriß  der  Zusammenhang  zwischen  der
Heereegruppe  Hindenburg  und  den  am  San  weslchenden  Hauptkräften  der
Osterreicher.  Jetzt  war  Hindenburge  Lage  völllg  unhaltbar  gewor  den.  Von
Norden  her  drohte  schon  seit  dem  Beginn  der  russischen  Aktion  die  Uberflügelung
aus  Warschau  heraue  —  nun  wurde  auch  der  rechte  Flügel  durch  das  Versagen
der  Osterreicher  vor  Zwangorod  gefährdet.  Es  blleb  nichte  ale  der  Rückzug.

Die  bieherige  Entwicklung  läßt  erkennen,  daß  der  ganze  Vorstoß  der  Verbündeten
  gegen  Osten  genau  ebenso  zu  beurteilen  ist,  wie  seinerzeit  die  erste
Offensioe  Conrade  aus  Galizlen  heraue:  nämlich  ale  eine  beroische  Torheit.
Hindenburg  selber  ist  sich  darüber  klar  gewesen,  daß  er  sich  bel  Beginn  der  Bewegung
  nur  ein  sehr  unsicheres  Bild  der  Lage  machen  konnte  und  „auf  UÜberraschungen
  gefaßt  sein  müsse“.  Dabel  hatte  Ludendorff  vor  Beginn  des  Unternehmene
  den  zweifelhaften  Wert  der  österreichisch-ungarischen  Armee  voll
erkannt.  Es  bleibt  also  das  Bild  eines  Angriffes,  der  mit  ungenügenden  Kräften
unternommen  worden  ist  und  deshalb  den  Keim  seines  Mißlingene  von  vornberein
  in  sich  getragen  hatte.

Aber  Hindenburg  und  Ludendorff  haben  den  offensichtlichen  Fehler,  den
dleses  Unternehmen  darstellte,  wieder  gutgemacht.  Dennnun  setzte  eine  Operation
  ein,  deren  strategische  Großzügigkeit  und  soldatische  Kühnhelt  alles,  was  die
beiden  bleher  geleistet  hatten,  noch  um  ein  Gewaltiges  übertraf.  Der  Leser
versuche  sich  folgendee  klarzumachen:  die  deutsche  Armee  stand,  mit  der  nicht
mehr  zuverlässigen  und  weichenden  1.  österreichischen  Armee  auf  dem  rechten
Flügel,  fechtend  auf  der  Linie  Radom-Lodz,  also  mit  Front  nahezu  nach  Norden.

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