Metadaten : Blätter für Rechtsanwendung. VII. Band (7)

4  Von  der  Wissenschaftlichkeit  der  Rechtspflege.

Aber  diese  seine  richtige  Ansicht  und  die  gute  Meinung,
  in  welcher  er  seine  Kommentare  schrieb,  wurden
  verkannt,  und  letzteren  eine  Bedeutung  und
Stellung  beigelegt,  in  welcher  der  Vortheil,  den
sie  gewähren,  durch  große  Nachtheile  noch  überboten
  wird.  Von  den  Praktikern  wurden  nämlich
die  Gesetzbücher  mit  den  Anmerkungen  zusammen
für  das  angesehen  und  angenommen,  was  die
Preußische  Gesetzgebung  nach  der  Absicht  ihrer  Urheber
  seyn  sollte;  —  für  ein  großes  Rezeptenbuch,
  in  welchem  für  jede  vorkommende  Rechtsfrage
ein  fertiges  unmittelbar  zutreffendes  Rezept  zu
finden  ist.  Die  Aufgabe  juristischer  Bildung  besteht
  nach  diesem  weitverbreiteten  Glaubensbekenntnisse
  nur  darin,  sich  im  Gesetzbuche  und  den  Anmerkungen
  so  zu  orientiren,  daß  man  jederzeit  nach
dem  rechten  Fache  greift,  um  das  sertige  Rezept
hervorzulangen;  treues  Gedächtniß,  ein  der  Orientlrung
  günstiger  Ortssinn,  und  eine  gesunde  Urtheilskraft
  reichen  aus,  den  Juristen  comme  il
faut  zu  machen.  Witssenschaftliche  Erkenntniß,
selbstständiges  Denken  überhaupt  liegt  ganz  außer
der  Sphärc  dessen,  was  man  verlangt  und  braucht;
mit  Erforschung  und  Erwägung  der  leitenden
Grundsätze,  der  Entwicklung  des  Einzelnen  aus
denselben,  des  innern  Zusammenhangs  der  Rechtssätze
  und  Rechtsmaterien  —  giebt  sich  ein  Gesetzkrämer
  (Legulejus)  der  strengen  Observanz?)
nicht  ab;  von  der  edelsten  Funktion  des  ausübenden
  Rechtsgelehrten,  für  neugestaltete  Fälle  durch
Anknüpfen  an  Gegebenes,  durch  Folgerung  aus
Prämissen,  durch  Entfaltung  der  Natur  der  Sache
den  passenden  Rechtsatz  neu  zuschaffen,  hat  er  gar
keine  Vorstellung;  die  Riesenfortschritte,  welche  die

3)  Wir  behaupten  nicht,  daß  Alle,  welche  dieser  Fahne
folgen,  die  Sache  in  der  angegebnen  Weise  auf  die
Spitze  treiben.