Full text : Das Erzgebirge in Vorzeit, Vergangenheit und Gegenwart.

—  152  —

„Die  wesentlichsten  Abweichungen  in  den  Lautverhältnissen  einer
jeden  Mundart  von  denen  der  Schriftsprache  (sagt  derselbe)  sind  wohl
am  natürlichsten  aus  dem  Streben  nach  größtmöglichster  Bequemlichkeit
  und  Leichtigkeit  im  Sprechen  zu  erklären.“

Daher  im  erzgebirgischen  Dialekt  die  Entwickelung  einer  Reihe

eigenthümlicher  Vokale  und  die  ungewöhnliche  Aussprache  mehrerer
Consonanten.  -
Durch  Trübung  der  drei  Urvokale  sind  drei  neue  als  Mischlaute
  entstanden;  daher  ein  helles  und  ein  dumpfes  a  in  den  verschiedensten
  Schattirungen;  ein  spitzes  und  ein  breites  i  und  e  sowie
ein  dumpfes  o  und  ein  helles  u.  Bei  den  Consonanten  erspart  sich
der  Gebirger  in  vielen  Fällen  den  Aufwand  von  Muskelthätigkeit  und
spricht  sie  rein  vokalisch  aus  (läßt  sie  weg);  die  ähnlich  lautenden
Consonanten  spricht  er  gleich  aus  und  kennt  keinen  Unterschied  zwischen
scharfen  und  weichen  Consonanten.

Die  Wortbildungen  sind  durch  Laut  und  Ablaut,  Ableitung  und
Zusammensetzung  begründet;  nicht  selten  aber  hat  ein  Wort  im  Sprachgebrauche
  eine  andere  Bedeutung  erhalten,  wie  in  der  Schriftsprache.

Verschiedene  Substantiva  haben  in  der  Mundart  ein  anderes
Geschlecht,  als  ihnen  in  der  Schriftsprache  zukommt.

Bei  der  Conjugation  endlich  hat  sich  in  der  erzgebirgischen
Mundart  der  Unterschied  von  starker  und  schwacher  Conjugation  überall
erhalten;  für  den  schriftdeutschen  Ablaut  tritt  jedoch  der  entsprechende
mundartliche  Vokal  ein.

Sprachproben  aus  der  Mundart  sollen  nicht  allein  ein  getreues
Bild  von  der  Sprache  geben,  sondern  auch  einen  Einblick  in  das
geistige  Leben  eines  Volkes  gewähren  .  .  In  ihrer  wahren  Gestalt
zeigt  sich  die  Sprache  als  die  Eigenart  des  Volkes  in  seinen  Liedern,
Sagen  und  Erzählungen,  ganz  besonders  aber  in  seiner  Spruchweisheit.
Hier  treten  uns  die  Sprache  und  die  Sprechweise  des  Volkes  am
unmittelbarsten  entgegen.  (Göpfert  S.  39.)

Aber  es  kann  Niemandem  die  Thatsache  entgehen,  daß  seit  Jahrzehnten
  die  erzgebirgische  Mundart  ihre  Eigenthümlichkeiten  immer
mehr  aufgiebt.  Der  wachsende,  Alles  gleichmachende  Verkehr  hat  schon
manche  althergebrachte  Sitte  verdrängt,  manchen  ehrwürdigen  Brauch
bei  Seite  geschoben,  und  wie  die  altväterische  Tracht  verschwunden
ist,  so  wird  auch  die  heimische  Mundart  mit  der  Zeit  immer  mehr
an  die  Wand  gedrängt  werden,  je  mehr  der  Flitterstaat  vornehmer
Rede  mit  seinem  modernen  Aufputz  Umfang  gewinnt.

Der  Volksschule  ist  es  vorbehalten,  die  Pflegerin  der  deutschen
Sprache  im  besten  Sinne  des  Wortes  zu  sein  und  zu  bleiben.

Schon  vor  einer  längeren  Reihe  von  Jahren  hat  man  begonnen,