Das Undeutsche unserer Bildung. 45
Fällen in vorbildlicher Weise geschah, so ist das nur um so aner—
kennenswerter.
Besonders verhängnisvoll mußte es werden, daß die höheren
Schulen, aus denen die geborenen Führer des Volkes hervor—
gingen, in viel zu geringem Umfange deutschem Bildungsgute
nachstrebten. Sie erhoben Fremdes statt Deutschem zur Haupt—
sache deutscher Bildung: sie versetzten die deutsche Jugend nicht in
die germanische Geisteswelt, gaben ihr keine Ehrfurcht vor unserer
Vergangenheit, kein einheitlich deutsches Staatsgefühl. Vielseiti—
ges Wissen nahm der Schüler auf; geschichtliches Denken, Ein—
dringen in die Natur, deutsches Volkstum, Körper- und Willens-
stählung, Pflege des Kameradschaftsgefühls und des Verständnisses
für Unterordnung kamen zu kurz, der Wert der Handarbeit wurde
nicht richtig eingeschätzt. Mag das Wissen dem einzelnen Menschen
viel gegeben haben, Volk und Staat zogen nicht genügend Nutzen
daraus. Hierauf kommt es an. In unserem buntscheckigen höheren
Schulwesen sollten die Realschulen aller Art die Jugend besser für
das tägliche Leben heranbilden; aber auch sie standen unter dem
Einflusse der nun einmal bei uns herrschenden Ansichten über Er-
ziehung und Bildung und zeitigten ähnliche Ergebnisse. Selbst in
den Kadettenanstalten war dies der Fall, obschon hier auf Festi-
gung der Willenskräfte, auf Mannszucht, Körperstählung und
kameradschaftlichen Zusammenhalt mehr Wert gelegt wurde. Selbst-
verständlich gibt es zu dem Gesagten Ausnahmen. Allgemein gültig
dürfte die Feststellung sein, daß unsere höheren Schulen uns kein
geschlossenes Volksgefühl, keinen harten Lebenswillen, keine Kampf-
entschlossenheit gaben und unserer weltbürgerlichen Veranlagung,
unserem Hang zur Eigenbrötelei und zum Ausleben der Sonder-
triebe nicht entgegenarbeiteten, sondern Vorschub leisteten.
Mit der Erziehung und Bildung der weiblichen deutschen
Jugend war es ähnlich bestellt.
Nun hört man oft, der Schulmeister habe die Kriege 1866
und 1870/71 gewonnen. Moltke sagt darüber in seiner Reichs-
tagsrede vom 16. Februar 1874: „Meine Herren, das bloße Wissen
erhebt den Menschen noch nicht auf den Standpunkt, wo er bereit