fullscreen: Bismarck Die gesammelten Werke. Band 3. (3)

146 Regelung der ital. Frage durch die Mächte? Anlehnung Oesterreichs an die Westmächte. 
verständnis vorbereite, um ohne Mitwirkung Preußens und Englands die Angelegen- 
heiten Italiens in der Art zu ordnen, daß im Norden eine Restauration im Sime 
Oesterreichs, im Süden eine Dynastie Murat hergestellt werde. Ich habe diesen Gegen- 
stand gelegentlich vertraulich im Gespräch mit dem Fürsten Gortschakow berührt. Er 
sagte, daß er nicht wisse, was zwischen Oesterreich und Frankreich besprochen werde, daß 
aber der Kaiser sich auf eine Politik ohne, oder gar gegen uns, freiwillig niemals ein- 
lassen würde. Rußlands Programm in Italien sei bekannt, und, mit der freilich erheb- 
lichen Ausnahme der Dynastie Murat, mit dem obigen übereinstimmend; das Kaiser- 
liche Kabinett habe sich bemüht, wenigstens die vier Kontinentalmächte zu einer ähnlichen 
Auffassung zu vereinigen, und arbeite noch daran; an prinzipiellen Ausschluß Preußens 
könne aber in einer Kombination, der Rußland angehöre, nicht gedacht werden. Er 
würde sich gefreut haben, wenn das oben erwähnte Gerücht einer Verständigung der 
Kaiserhöfe über irgendein definitives Arrangement in Italien wahr wäre, dann aber 
auch nicht verfehlt haben, mit Preußen über eine so günstige Errungenschaft in Ver- 
handlung zu treten. Auf der Grundlage einer Dynastie Murat stehe aber kein Ver- 
ständnis mit Rußland in Aussicht. 
Er sprach demnächst von der Möglichkeit, daß Oesterreich nach der Warschauer Zu- 
sammenkunft versucht habe, ob und wieweit sich in Paris Boden finden lasse zur Wieder- 
anknüpfung der früheren westmächtlichen Beziehungen Oesterreichs. Frankreich habe vor 
einiger Zeit den Plan zur Sprache gebracht, den Kaiser Franz Josef zur Abtretung 
Venetiens gegen eine Entschädigung teils in Geld, teils in Gestalt der türkischen Hinter- 
länder Dalmatiens, mit Ausschluß der Donaufürstentümer, zu bewegen. Rußland habe 
es abgelehnt, auf dergleichen einzugehen, „weil die Bewohner jener türkischen Provinzen 
niemals treue Untertanen Oesterreichs werden würden“. Wenn nun in diesen Tagen 
offiziöse Stimmen aus Oesterreich eine direkte Verständigung zwischen letzterem und 
Sardinien empföhlen, so könne damit eine Demonstration beabsichtigt sein, vermittelst 
welcher das Wiener Kabinett auf Deutschland und Rußland wirken wolle, es könne aber 
auch vielleicht mehr dahinter stecken. Daß Oesterreich Venetien abgeben wolle, sei an sich 
nicht wahrscheinlich, und eine Entschädigung auf Kosten der Türkei werde von England 
schwerlich zugegeben werden; näher schon liege die Möglichkeit, daß Oesterreich den 
Westmächten sage: Garantiert mir einstweilen Venetien, und macht mit dem übrigen 
Italien was ihr wollt; daß Frankreich alsdann betreffs Neapels, vielleicht auch Etruriens, 
andre Pläne haben werde, als England, sei zweifellos, und hierin eben werde die Schwierig- 
keit liegen, auf solcher Basis eine Verständigung zwischen den Westmächten und Oester- 
reich zu erzielen, falls letzteres überhaupt ernstlich daran arbeite. Jedenfalls scheine hier- 
nach auf dem Gebiete der Konjekturen ein separater Plan der Verbündeten vom 
2. Dezember¹) näherzuliegen, als ein solcher der drei Kaiserreiche. 
Der Fürst sagte mir ferner bei dieser Gelegenheit, daß Graf Kisselew gemeldet habe, 
daß in einer Unterredung, die er mit dem Kaiser Napoleon gehabt habe, die Ansicht zu- 
tage getreten sei, als hätten wir, Preußen, in Warschau eine besonders feindliche und 
koalitionistische Sprache geführt. Da Graf Kisselew die Falschheit dieser Nachricht nicht 
entschieden genug hervorgehoben habe, so sei er von hier aus angewiesen worden, jenes 
Gespräch wieder aufzunehmen und auf das bestimmteste zu erklären, daß solche Angaben 
1) Gemeint ist die am 2. Dezember 1854 zu Wien von Oesterreich mit England und Frankreich 
geschlossene Konvention.