Contents: Die Hohenzollern und ihr Werk.

XII. 
Im neuen Reich. 
1871—1888. 
D# Frankfurter Friede eröffnet eine neue Epoche in der Geschichte des 
europäischen Staatensystems. Das Gleichgewicht der Mächte, das bisher 
auf die Schwäche der zerteilten Mitte berechnet war, hat seit dem Zusammen- 
schluß des Deutschen Reiches eine andere Gestalt angenommen. Der Schwer- 
punkt der Macht, der seit dem Krimkriege in Paris gelegen hatte, rückte nach 
Berlin herüber; das neue Deutsche Reich nahm unter der Führung Kaiser 
Wilhelms und Bismarcks die vorwaltende Stellung in der europäischen Staaten- 
gesellschaft ein. Diese Stellung hat es von Anfang an mit Nachdruck und Konse- 
quenz im Sinne der Aufrechterhaltung des Friedens geltend gemacht. Preußen und 
Deutschland waren „saturiert“, wie Bismarck mit einem Metternichschen Worte 
es ausdrückte; die Versicherung, die Kaiser Wilhelm in der Proklamation von 
Versailles (18. Januar 1871) und in der Thronrede bei Eröffnung des ersten 
deutschen Reichstages (21. März 1871) vor aller Welt abgegeben hatte, daß 
Deutschland, geeint und stark, fortan nur danach streben werde, den Frieden in 
Europa aufrecht zu erhalten, ist durch die Politik seiner ganzen noch 17jährigen 
Regierung und nicht minder durch die seiner Nachfolger vollkommen bestätigt 
worden. Die ganze Entwicklung des Staatensystems, sein allmähliches Hinaus- 
wachsen über die Grenzen Europas, brachte es auch mit sich, daß die Konflikte sich 
mehr nach außen, an die Peripherie der zivilisierten Welt verschoben und daß die 
Reibungsflächen an den inneren Staatengrenzen unseres Kontinents — abgesehen 
von der Balkanhalbinsel — minder empfindlich zu werden schienen. Eine Aus- 
nahme bildete dabei freilich immer noch das Verhältnis zwischen Deutschland und 
Frankreich. Der Stolz der französischen Nation konnte sich nicht in die Rolle 
des Besiegten und in den Verlust der Grenzprovinzen finden; man hoffte auf 
den Tag der Rache und dachte nach Gambettas Anweisung immer daran, auch 
wenn man nicht davon sprach; die Gefühle der Kämpfer und Zeitgenossen 
von 1870 übertrugen sich auch auf die heranwachsende Generation. Diese 
ungelöste Spannung zwischen Frankreich und Deutschland ist eine wichtige 
Triebfeder für das Spiel der politischen Gleichgewichtsschwankungen und für 
die Gruppierung der Mächte geblieben. 
In vollem Einverständnis mit Kaiser Wilhelm war Bismarck nach 1871 
bemüht, die Stellung Deutschlands in der Welt auf eine engere Berbindung mit 
den beiden großen monarchisch-konservativen Ostmächten Rußland und Oster-