*
— 15 —
Wenn einem Arbeiter, dem seine unversicherte Habe verbrannt
ist, oder einem kleinen Besitzer, der durch die Schuld von Wucherern
arm und elend wird, von mildtätigen Menschen geholfen wird,
daß er sich mit feiner Familie über Wasser halten kann, so ist
das eine Wohltätigkeitsveranstaltung. Wenn aber aus der Gemeinschaft
heraus Versicherungskassen gegründet werden, die es
auch dem Kleinsten ermöglichen, sich gegen Verarmung durch
Feuersgesahr oder Viehverluste oder Hagelschlag oder vorzeitige
Sterbefälle zu bewahren; oder wenn i in einem Dorfe ein Raiffeisenverein
gegründet wird, durch den es sich von seinen Blutjaugern
befreien, sich zu blühendem Wohlstande emporringen kann,
so sind das Wohlfahrtseinrichtungen. Oder auch: wenn
man, um im Dorse die gesellschaftliche und geistige Oede zu bejeitigen,
die Laster des Müßiggangs zu verhüten, Tellssöiblistheren.
gründet,. Gemeindehäuser und Gemeindeabende einrichtet, R
für Jugend- und Volksspiele schafft, so ist das nicht Behitärictel,
sondern Wohlfahrtspflege.
Wir finden nun im Bereiche der ländlichen Wohlfahrtspflege
manche Einrichtungen, die bald mehr, bald weniger den Charakter
von Wohltätigkeitsveranstaltungen tragen. Sie können, am rechten
Orte und in rechter Weise angewandt, in hohem Grade segensreich
sein und müssen bei vielen eigenartigen Verhältnissen auch wohl
als erstes Aushilssmittel in Betracht kommen. Wir schließen
also solche Veranstaltungen aus unserm Pflegekreife nicht aus.
Das aber steht für uns sest, und wir glauben, es wird uns jeder
zugestehen, der sich aus diesem Gebiete umgesehen hat und der die
Weniherfeele kennt: Je weniger allen den auf die
Förderung der unbemittelten Klasfsen abzielenden
Einrichtungen der Almosencharakter anhafstet,
desto bedeutungsvoller und erfolgreicher werden sie für's
Leben sein. Die Arbeiter sollen das, was auf diesem Gebiete geschieht,
empfinden als Wohlfahrt, aber nicht eigentlich als
Wohltätigkeit.
Ein bedeutsames Beispiel in diesem Sinne hat das Deutsche
Reich gegeben mit dem Reichsgesetz über Invaliditäts= und Altersversorgung.
Das ist eine Wohlfahrtseinrichtung ersten Ranges.
Erfreulicherweise zeigt sich denn auch, daß mit der zunehmenden
Erfahrung auf diesem Gebiete die Wohltätigkeit durch Weckung
und Zusammenfassung der einzelnen Kräste immer mehr zu einer
systematischen Wohlsahrtspflege sich entwickelt: Aus den Wohltätigkeitsveranstaltungen
werden Wohlsahrtseinrichtungen.
Beispiele dafür bieten die in unserem Buche aufgeführten
Wohltätigkeits- und Wohlfahrtsvereine genng.
Alles in allem gilt hier das Wort:
.Halb nur hilft dem Armen die tägliche Gabe des Reichrn;
Hilf ihm, daß er sich selbst helfe, so hilfft du ihm ganz.“