Thronwechsel im Vatikan
Bei der intransigenten, herausfordernden Haltung, die Pio
Nono im Laufe der Zeiten eingenommen hatte, stand, so lange
er thronte, ein Umschlag nicht zu erwarten. Am 7. Februar 1878,
nach mehr als dreißigjährigem Pontifikat, dem längsten, von dem
die Geschichte zu berichten weiß, hat Pius IX. indes das Zeitliche
gesegnet. Noch ein Jahr vor seinem Tode hatte der heißblütige
Polterer in einer Ansprache an deutsche Rompilger Bismarck
einen „neuen Attila‘ geschimpft.e Wahrscheinlich in der
Erwartung, daß es ihm beschieden sein dürfte, ähnlich wie dereinst,
nach der kirchlichen Legende, Leo dem Großen, ihm
durch seine Beredsamkeit ein Halt zu gebieten und ihn zur Umkehr
zu bewegen. Sollte doch, wie Majunke in seiner ‚Geschichte
des Kulturkampfes‘‘ zu berichten weiß, Bismarck, wenn er auf
Pius IX. zu sprechen kam, „stets eine mystischeScheu“
bekundet haben! Gar als er in der Reichstagssitzung vom
5. Dezember 1874 ihn als einen „kriegerischen“ Papst
kennzeichnete und von keiner Nachgiebigkeit wissen wollte,
bis daß ihm ein „friedlicher‘ gefolgt sein werde, wäre er
plötzlich bleich geworden, hätte längere Pausen gemacht, mit
matter, leiser Stimme gesprochen, sichtlich zu zittern angefangen,
die Hand krampfhaft bald auf den Tisch gestützt, bald in die
Busentasche seines Kürassierrockes gesteckt, aus Verlegenheit
mit dem Bleistift getändelt, zum Wasserglase gegriffen, — kurz —
sich so gebärdet, daß mit ihm allen Zuhörern ‚angst und bange“
wurde und die ‚„Germania‘‘ triumphierend vermerken konnte:
„Qui mange du pape en meurt.‘‘ Darüber waren bald vier Jahre
ins Land gegangen. Inzwischen war nicht Bismarck, sondern
Pius abberufen worden, ohne daß der ‚neue Attila“ auch nur
einen Fußbreit zurückgewichen wäre.