Full text : Gesetz über den vaterländischen Hilfsdienst vom 5. Dezember 1916.

368  Versammlungsbericht.

so  schlimm.  Wohl  ist  es  natürlich  für  gewisse  Handwerkszweige
schwer,  Lehrlinge  zu  bekommen;  in  anderen  dagegen  strömen  die
Lehrlinge  den  Handwerksmeistern  in  hellen  Scharen  zu.  Selbst  das
Schneiderhandwerk  braucht  heute  nicht  mehr  so  sehr  über  Mangel  an
Lehrlingen  zu  klagen.  Das  ist  ja  deshalb  bemerkenswert,  weil  lange
Zeit  das  Schneidergewerbe  als  dasjenige  bezeichnet  worden  ist,  das
überhaupt  keine  Aussicht  mehr  habe,  ch  zukunftsreich  zu  entwickeln.

Aber  wenn  man  jetzt  die  Lehrlingsausbildungszeit  im  Handwerk
  allgemein  verlängern  wollte,  so  entstünde  die  Gefahr  des  Lehrlingsmangels
  von  neuem,  weil  die  Kreise,  aus  denen  jetzt  die  Handwerkslehrlinge
  stammen,  nicht  immer  die  Mittel  haben,  ihre  Söhne
auf  viele  Jahre  in  einen  Beruf  zu  stecken,  wo  sie  keine  Entschädigung
bekommen.  Man  muß  also  vorsichtig  sein  mit  der  Verlängerung  der
Lehrzeit,  um  die  Eltern  nicht  abzuschrecken.

Es  ist  übrigens  interessant,  bei  der  Gelegenheit  mit  einigen
Worten  auf  die  Herkunft  der  Lehrlinge  einzugehen.  In  unserem
Bezirke  habe  ich  feststellen  können,  daß  von  1500  Handwerkslehrlingen

Söhne  von  Handwerksmeistern  ben.  Die  Handwerker  sind
also  doch  noch  von  der  Nahrhaftigkeit  ihres  Gewerbes  überzeugt,
denn  sonst  würden  sie  sicher  nicht  ihre  eigenen  Kinder  wieder  Handwerker
  werden  lassen.

140  Lehrlinge  entstammten  den  kaufmännischen  Ständen,
69  waren  von  Kleinhändlern,  64  von  Landwirten,  107  von  Beamten,
209  aus  verschiedenen  Ständen,  die  man  nicht  registrieren  kann,  teils
waren  es  auch  Witwen,  464  entstammten  dem  Arbeiterstande.

Also  die  Mehrzahl  entstammt  dem  Handwerkerstande,  aber  es
gibt  doch  eine  ganz  beträchtliche  Anzahl  von  Handwerkslehrlingen,
die  dem  Arbeiterstand  entstammen,  und  das  ist  gewiß  ganz  außerordentlich
  bezeichnend.  Es  mag  dies  für  den  Soziologen  besonders
interessant  sein,  ist  es  aber  auch  für  uns,  denn  wir  sehen  daraus,
aus  welchen  Kreisen  die  Handwerkslehrlinge  kommen,  und  wir  begreifen
  nun  auch,  warum  es  vielen  Eltern  so  schwer  fällt,  auf  mehrere

Jahre  ihre  Söhne  in  einen  Beruf  hineinzustecken,  weil  doch  gerade  die
Preise,  aus  denen  so  viele  Lehrlinge  kommen,  auf  den  Verdienst  der
Kinder  angewiesen  sind,  und  darin  wurzelt  ja  überhaupt  die  ganze
Kalamität,  mit  der  wir  es  hier  zu  tun  haben,  die  starke  Verbreitung
der  ungelernten  Arbeiter,  die  alle  nur  von  dem  Bestreben  geleitet  sind,
wenig  zu  lernen,  aber  Möglichst  viel  und  recht  früh  Geld  zu  verdienen.

Wenn  ich  mit  Rücksicht  hierauf  dafür  eintrete,  auch  im  Handwerke
schon  von  vornherein  eine  Entschädigung  an  die  Lehrlinge  zu  zahlen,
so  will  ich  diesen  Zustand  nicht  als  einen  idealen  bezeichnen.  Früher
ist  es  4  zweifellos  besser  gewesen,  als  der  Lehrling  selbst  noch  ein
Lehrgeld  an  den  Meister  entrichtete,  denn  es  ist  ganz  natürlich,  daß
ein  Meister,  der  von  seinem  Lehrling  ein  Lehrgeld  bezieht,  sich  viel
mehr  um  die  Ausbildung  des  Lehrlings  kümmern  wird  als  umgerehrt:.
  ein  Meister,  der  dem  Lehrling.  für  das  Wissen,  das  er  ihm

geienbringen.  hat,  auch  noch  obendrein  eine  Entschäd  iqu  ng  geben  muß.

Aber  die  Verhältnisse  haben  sich  nun  einmal  mit  der  Zeit  so  entwickelt,
  und  dagegen  können  wir  nicht  mehr  angehen.  Ich  bin  des-