Contents : Was jedermann von der Schuldfrage wissen muß! Schuld am Kriege? 60 Selbstzeugnisse der Entente

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22  Erstes  Buch.  Einleitung.

zu  sehen,  als  ein  bloß  verschwägertes.  Aber  der  kluge  Mann  hatte  dabei
außer  acht  gelassen,  daß  die  Fürsten  seinen  Sohn  nach  dem  Tode  Lothars
wahrscheinlich  aus  demselben  Grunde  nicht  zum  Könige  küren  würden,  aus
dem  sie  jetzt  seinen  Schwiegersohn  zurückgewiesen  hatten;  daß  sie  ihr  Wahlrecht
  ebenso  energisch  bei  dem  Welfen  geltend  machen  würden,  wie  bei  dem
Staufer.  Und  dann  also,  wenn  ein  den  Welfen  feindliches  Geschlecht  die
Königsmacht  erhielt,  war  diesen  die  Rache  der  gekränkten  Staufer  gewiß.  So
war  es  eine  gefährliche  Bahn,  in  die  Heinrich  der  Schwarze  eingelenkt  hatte,
und  ihm  zunächst  und  zuerst  ist  die  zeitweilige  Zertrümmerung  seines  Hauses
in  der  Folge  der  Zeiten  zuzuschreiben.

Für  das  erste  freilich  wuchs  unter  dem  Schutze  König  Lothars  III.  das
Welfenhaus  mächtig  heran.  Heinrich  der  Stolze,  Heinrichs  des  Schwarzen
Sohn,  ein  selbstbewußter  und  kühner  Fürst,  trat  sofort  in  seinem  Herzogtume
mit  großer  Energie  auf,  nötigte  alles  zum  Gehorsam,  ließ  von  den  Großen
und  Bürgern  seines  Landes  einen  allgemeinen  Landfrieden  beschwören  und
strafte  jeden  Räuber  und  Friedensbrecher  auf  das  härteste.  König  Lothar,
der  die  mächtigen  Staufer  mit  ihrem  großen  Anhange  als  unversöhnliche
Feinde  sich  gegenüber  sah,  mußte  sich  nach  kräftigen  Freunden  umschauen:
und  wer  konnte  ihm  besser  beistehen,  als  die  den  Staufern  benachbarten
Welfen,  der  Bayernherzog  und  dessen  jüngerer  Bruder,  Welf  VI.,  geboren
1115,  der  die  reichen  schwäbischen  Besitztümer  seiner  Familie  geerbt  hatte")7
Noch  dazu,  da  Lothar  auf  die  Treue  der  Welfen  zählen  konnte,  die  jetzt  mit
den  Staufern  tödlich  verfeindet  waren.  So  verlobte  Lothar  Heinrich  dem
Stolzen  seine  Tochter  Gertrud  öffentlich.

In  der  Tat  bedurfte  der  König  jetzt  kräftigen  Beistandes  mehr  als  je.
Wenige  Wochen  nach  der  Krönung  hatte  sich  die  zornige  Stimmung  zwischen
ihm  und  Friedrich  II.  zu  offenem  Kampfe  entwickelt.  Lothar,  froh  jeden  Anhalt
  ergreifend,  um  die  Staufer  zu  schwächen,  hatte  den  Schwabenherzog
aufgefordert,  von  der  Erbschaft  Heinrichs  V.  das  ehemalige  Reichsgut  herauszugeben.
  Friedrich  aber  erwiderte,  es  sei  nicht  mehr  möglich,  das  Reichs=  und
das  Eigengut  des  verstorbenen  Kaisers  zu  scheiden,  und  ganz  dürfe  man  doch
das  Recht  der  Vererbung  einem  Kaiser  nicht  bestreiten,  während  die  meisten
Fürsten  es  vollständig  für  sich  durchgesetzt  hätten.  So  begann  der  gegenseitige
Streit:  der  Staufer  wurde  in  die  Acht  erklärt.  Zu  Goslar  wurde  von  dem
Könige  und  den  Fürsten  ein  Reichskrieg  gegen  den  widerspenstigen  Herzog
beschlossen;  aber  war  diese  Verurteilung  übereilt  und  rechtswidrig  geschehen,
so  hatte  auch  der  Kriegszug  gegen  Friedrich  nicht  den  mindesten  Erfolg.  Durch
dieses  Zerwürfnis  schon  hinreichend  beschäftigt,  ließ  sich  Lothar  noch  auf  einen
Kampf  gegen  Böhmen  ein,  der  zur  fast  völligen  Vernichtung  des  königlichen
Heeres  führte.  Von  allen  Seiten  zurückgeschlagen,  sah  sich  Lothar  III.  immer
mehr  genötigt,  die  großen  Geschlechter  Deutschlands  zu  seiner  Unterstützung

 

*)  S.  Adler,  Herzog  Welf  VI.  und  sein  Sohn  (Hannover  1881).