190 Bundestägliches. Noch immer kein Empfang beim Kaiser. Werthern. Geselligkeit. Bach.
Von der Aufnahme des Liquidationswesens am Bunde⁵) will man hier gar nichts
wissen, und Graf Buol behauptet, daß Östreich größere Forderungen als irgend Jemand
an den Bund habe. Ich habe ihn gebeten, sie doch wenigstens anzumelden, damit
den andern Staaten die unrichtige Voraussetzung des Gegentheils benommen werde. Die
Einsetzung einer vorbereitenden Commission dazu in Frankfurt scheint dringend zu urgiren,
denn das Präsidium verschleppt diese Sache eingestandnermaßen. Wegen des Obercommandos
in Frankfurt werden E. E. den hiesigen Erlaß vom 17. wohl schon durch
Herrn von Prokesch erhalten haben; ich hatte die Sache schon vor Eingang des Rescripts
vom 14. monirt. Danach scheint Östreich in der nicht unbedeutenden, sondern
sehr entschiedenen Differenz; über die Stellung der Frankfurter Garnison zu dem von
Preußen zu ernennenden Bundes-General nachzugeben, wodurch die Aussicht zu einer befriedigenden
Lösung gegeben ist.
Ueber Zeit und Art meiner Vorstellung bei Sr. M. dem Kaiser und Uebergabe
meiner Creditive ist mir noch nichts weiter mitgetheilt worden; am 23. c. ist S. Majestät
wahrscheinlich wieder in Pesth. Herr von Werthern wünschte auf das Dringendste, und
womöglich zum 21. c., zur Besorgung von Geschäften auf 1 oder 2 Tage nach Thüringen
zu gehn. Da nach Inhalt von E. E. geehrtem Schreiben ein rechtzeitiger Urlaub hierzu
nicht zu erwarten war, so habe ich auf E. E. geneigte Nachricht gerechnet und es auf mich
genommen, ihn unter Beding der Rüchkkehr bis zum 24. c. nach Hause reisen zu lassen.
In der Voraussetzung, daß ich bis dahin dem Kaiser vorgestellt sein werde, erlaube
ich mir für mich selbst an E. E. Güte die dringende Bitte zu richten, mich nach Rückkehr
des Herrn von Werthern wenigstens vorläufig auf Urlaub nach Frankfurt begeben zu
dürfen, da die Zeit der Entbindung meiner Frau herankommt und die Nachrichten, die sie
von ihrem Befinden giebt, mich nicht ohne ernste Besorgniß diesem Ereigniß entgegensehn
lassen.
Den Kreis meiner Bekanntschaften zu erweitern wird mir augenblicklich sehr schwer.
Die Geselligkeit ist beendet, fast alles auf dem Lande oder mit dem Kaiser, nur auf dem
adligen Casino in der Herrengasse findet man des Abends die spielenden und rauchenden
Reste der höhern Gesellschaft. Diese gehört im Allgemeinen der altconservativen Partei
an, frondirt, spricht bitter über das Ministerium, aber selten mit Einsicht. Theils Furcht
vor Rügen vom Hof, theils eine phäakische Genußsucht und die Besorgniß vor allem,
was Mühe macht oder an Unruhe und an Vermögensgefahr erinnert, bewirken eine fast
allgemeine Enthaltsamkeit von politischen Gesprächen, bis auf gelegentliche, dem Ministerium
und besonders dem Dr. Bach applicirte Schimpfwörter der stärksten Färbung. Sonst
bilden Vergnügungen und militärische Erlebnisse nebst der Person des Kaisers den
alleinigen Gegenstand der Conversation. Unbehagen empfindet jeder und meint im Vertrauen,
es könne so nicht bleiben; die meisten sind einig in Anklagen gegen Fürst
Schwarzenberg, dessen Unkenntniß des Landes von Bach mißbraucht sei, und von dem
man meint, er habe mit seiner eigen- und leichtsinnigen Kühnheit nur für die Zeit der
Gefahr gepaßt; die Wenigen, welche, wenn auch oberflächlich, sich um Politik kümmern,
klagen namentlich über die Unmöglichkeit der jetzt geltenden Gemeindeordnung, selbst
höhere Beamte. Zu dem Resultat der neuen Anleihe in Bezug auf Besserung der
Valuta-Verhältnisse herrscht wenig Vertrauen; man glaubt, das in den Verkehr gelangende
Silber werde schnell den Weg des andern geben, d. h. versteckt werden, und
⁵) Gemeint ist die Kriegskosten-Liquldation für militärische Aufwendungen.