17
nun so „genaturt“ ist, daß ihm Ehre und Würde Begriffe
ohne Inhalt sind, empfindet deren Verlust wenig; ihm
geht's wie dem jungen französischen Mädchen phönizischer
Herkunft, die entführt worden war, und ihrer Mutter
schrieb: „Console-toi, Maman, rien n'est perdu fors l'honneur“;
er kann den Tag garnicht erwarten, wo die Herren
Grey und Dernburg sich auf einem Friedensbankett in der
Stadt, die durch Börne's Geburt Unsterblichkeit gewann,
öffentlich die Hände reichen. Wem nur ein einziger Tropfen
germanischen Blutes in den Adern kreist, fühlt anders:
Tod ist ihm tausend Mal lieber als ein Leben ohne Ehre
und ohne Würde. Er weiß auch, daß das kein bloßer
überkommener Kehrreim aus alter überspannter Nitterzeit
ist, sondern daß ihm damit tatsächlich die eigentliche Lebenskraft
unterbunden wäre; er gliche fortan dem Adler,
dem ein Hfeil „der Schwinge Sennkraft abgeschnitten“.
Liebenswürdige Engländer haben ja erklärt, sie wollten der
ganzen Welt einen Dienst leisten, indem sie die Deutschen
wieder zurückverwandeln in ein Volk von Denkern und
Dichtern! Damit steht's aber faul; denn Denker und
Dichter entsprießen stets den Zeitläuften allgemeinen Aufschwungs:
Plato folgt unmittelbar auf Perikles, und
Kant widmet sein erstes bedeutendes Werk Friedrich dem
Großen, Shakespeare dichtet für Elisabeth, und Wagner
schöpft aus den Siegen des „großen“ Krieges den Lebensmut,
sein gigantisches Ringwerk wieder aufzunehmen und
zu vollenden. Wollte man mir etwa das Deutschland der
letzten dreißig Jahre einwerfen, ich würde erwidern: wie
wunderbar auch die Säfte und die Kräfte sich regten, wie
bewundernswert auf allen Gebieten die tausendfältigen
Leistungen waren — politisch stand Deutschland nicht groß
Hammer oder Amboß 2