Full text : Gesetz- und Verordnungs-Blatt für das Königreich Bayern. 1915. (42)

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die  Entscheidung  in  der  Schlacht  geringeren  Einfluß
als  die  Kampfkraft  der  schweren  Geshas  (einschließlich

der  Schießfertigkeit  der  Geschützführer,  Durchschlags=  d

kraft  und  Sprengwirkung  der  Geschosse),  wie  die  Betrachtung
  der  Hauptgefechtsarten  ergibt.

den  Manövern  der  neuzeitigen  Linienschiffsflotten
  haben  sich  vier  Hauptgefechtsarten  der
Linientaktik  entwickelt  (a  Fahrtrichtung  der  einen,
b  die  der  andern  Partei):

1)  „  2)  4)

A
i*)  :  —  ⁊
—  —  v
Laufendes  Gegen-(assier-)  Kreisgefecht  Umfassungs-Gefecht
  Cefecht  gesecht

Die  Gefechtsabstände  der  feindlichen  Linien  betragen
  neuerdings  bis  zu  200  Hektometer  (20  km)
und  mehr.  Allerdings  kann  bei  sehr  großen  Abständen
  auch  bei  den  schwersten  Geschützen  und  feinsten
Zielfernrohren  nur  noch  mit  Zufallstreffern  gerechnet
werden,  die  aber  wegen  ihres  steilen  Aufschlags  sehr
verhängnisvoll  werden  können.

Beim  laufenden  Gefecht  ist  ein  gleichmäßiges,
tetiges  Artilleriefeuer  möglich.  Wenn  die  schnellere

inie  sich  vorzieht,  um  einen  Spitzenangriff  auszuführen,

  wird  die  langsamere  Linie  allmählich  abdrehen,
  um  nicht  in  ungünstigere  Stellung  zu  kommen.
  Ist  der  schnellere  Gegner  nämlich  imstande,  das
Feuer  einer  größeren  Zahl  seiner  Schiffe  gegen  die
feindliche  Spitze  zu  richten,  so  ist  ihm  die  erstrebte
Krafthäufung  gelungen,  mit  der  die  Vernichtung  eines
Teiles  der  feindlichen  Linie  erkämpft  werden  soll.

Eine  ungünstige  Gefechtslage  beim  laufenden  Gefecht
  kann  gelegentlich  durch  eine  Kehrtwendung  geändert
  werbens  in  dem  nun  entstandenen  Gegen-(Passier=
  Gefecht  laufen  die  Gegner  sehr  schnell  aneinander
  vorüber,  wodurch  die  Sicherheit  des  Zielens
erheblich  eingeschränkt,  also  die  Feuerwirkung  herabgesetzt
  wird.  Wenn  die  Flotten  mit  entgegengeseßzten
Kursen  aneinander  vorbei  sind,  werden  ihre  Spitzen
auf  die  feindliche  Nachhut  zudrehen,  um  diese  unter
verstärktes  Feuer  zu  nehmen.  Daraus  entsteht  die
dritte  Hauptgefechtsart,  das  Kreisgefecht.  Bei  ihm
kann  der  GeschwindigkeitsÜberschuß  des  Gegners  für
die  langsamere  Flotte  verhängnisvoll  werden,  weil
die  schnellere  Flotte  das  Kreisgefecht  leicht  in  das  Umfassungsgefecht
  umwandeln  kann,  das  nur  ein
verschobenes  Kreisgefecht  ist.  Das  Umfaßtwerden
muß  jede  seetaktisch  geschulte  Flotte  beizeiten  durch
Gegenmanöver  (Abdrehen,  Kehrtwendung  oder  schnelleres
  Mitdrehen  auf  der  inneren  Linie)  vermeiden;
denn  es  gibt  der  feindlichen  Geschützwirkung  die  denkbar
  beste  Stellung:  die  gesamten  Breitseitgeschülze
kämpfen  nur  gegen  die  Buggeschütze  der  gegnerischen
Vorhut  (Spitze).  Es  ist  das  die  7  Stellung  der  britischen
  Flottenmanöver,  das  sog.  -Kreuzen  des  7.

Aus  vorstehendem  wird  ersichtlich,  daß  die  neuzeitige
  Seetaktik  lediglich  dem  Zwecke  dient,  die  Geschützwirkung
  in  günstigster  Stellung  zu  steigern;  durch  geeignete
  seetaktische  Manöver  soll  die  artilleristische
Krafthäufung  erreicht  werden;  der  Feind  (b)  sol  mit
mehr  Geschützen  beschossen  werden,  als  er  selbst  gegen
die  eigene  Linie  (a)  zu  Schuß  bringen  kann.  Vorschriften
  oder  Verordnungen,  wie  unter  allen  Umständen
angegriffen  werden  muß,  lassen  sich  für  die  Seetaktik
auct  geben,  wohl  aber  wichtige  Wacnungen.  wie  gefährliche
  Manöver  des  Gegners  unschädlich  gemacht

III.  Technik  und  Kriegführung

werden  können.  Die  seetaktische  Friedensschulung  der
Flottenführer  ist  ein  unentbehrliches  Hilfsmittel,  um
ie  Maßnahmen  kennenzulernen,  wie  der  überflügelung
  und  Umfassung  selbst  durch  einen  stärkeren  und
schnelleren  Feind  wirksam  vorgebeugt  werden  kann.
Eine  reine  7  Stellung,  bei  der  eine  Flottenlinie  mitten
  vor  der  feindlichen  Spitze  die  größte  Geschützwirkung
  zur  Geltung  bringen  kann,  wird  in  einer  Seeschlacht
  kaum  je  vorkommen,  weil  der  Gegner  abhalten
wird,  um  die  gefährlichste  Gefechtslage  zu  meiden.
Aber  zwischen  dem  laufenden  Gefecht  und  der  7  Stellung
  gibt  es  noch  sehr  viele  andere  Gefechtslagen,  bei
denen  je  nach  der  seetaktischen  Begabung  der  Führer
und  nach  der  Liniengeschwindigkelt  derjenige  für  länere

  oder  kürzere  Zeit  günstigere  Geschützwirkung  entsaren
  kann,  der  von  beiden  der  7  Stellung  am  nächsten
  ist.  Diese  Überlegung  führt  dazu,  schon  früher.
als  der  Geschützkampf  begonnen  werden  kann,  danach
u  streben,  eine  günstigere  Anfangestellur  als  der
Hepner  sie  nach  den  Meldungen  der  Aufklärungskreuzer
  hat,  einzunehmen.  Das  richtige  =  Ansetzen  des
Angriffs=  ist  mithin  außerordentlich  wichtig;  es  kann
den  Erfolg  der  Seeschlacht  bewirken.  Schon  der  mit
Krafthäufung  glücklich  gewählte  Beginn  des  Feuergefechts
  kann  über  den  Ausgang  einer  Seeschlacht
entscheiden.  Zufälligkeiten,  wie  plötzlich  steigende  oder
fallende  Nebelbänke,  Schneegestöber,  dicke,  unsichtige
Luft,  unerwartete  Stronwersepun  kõnnen  die  Entwicklung
  einer  Seeschlacht  je  nach  Umständen  günstig
oder  ungünstig  beeinflussen,  in  besonderen  Fällen  sogar
  die  Entscheidung  bringen.

Die  bei  Flottenmanövern  in  Friedenszeit  gewonnenen
  seetaktischen  Grundsäte  fanden  ihre  Bestätigung
in  der  Seeschlacht  bei  Tsushima;  mit  voller  Berechtigung
  ist  diese  neuzeitige  Seeschlacht  mit  der  seetak.
tisch  bemerkenswertesten  Seeschlacht  der  Segelschiffszeit,
  mit  der  Schlacht  bei  Trafalgar  (vgl.  S.  288),  verlichen

  worden.  Auch  bei  Lstima  gab  der  Grund-8
  der  Krafthäufung  das  Mittel  zur  vollständigen
Vernichtung  des  Gegners.  Wie  Nelson,  so  griff  auch
der  japanische  Admiral  Togo  mit  seiner  Hauptmacht
den  Teil  der  feindlichen  Flotte  an,  der  von  dem  andern
  am  schwersten  unterstützt  werden  konnte.  Auch
an  die  Yaluschlacht  erinnert  der  letzte  japanische  Erfolg
  bei  Tsushima.  Denn  auch  dem  Admiral  Togo
elang  es,  ohne  die  eigene  Linie  aufzulösen  und  zum
inzelschiffskampf  überzugehen,  die  Entscheidung  herbeizuführen,
  und  zwar  lediglich  durch  günstige  Ausnutzung
  seiner  gesamten  Geschützbewaffnung.  Allerdings
  hatte  er  einen  minderwertigen  Gegner  vor  sich.
der  von  vornherein  (wie  aus  russischen  Berichten
deutlich  hervorgeht)  von  der  Erfolglosigkeit  seiner
Gegenwehr  überzeugt  war.
ie  aus  Europa  abgesandte  russische  Flotte  unter
Befehl  des  Vizeadmirals  Rojestwenstki  zählte  8  Linienschiffe,
  3  Küstenpanzerschiffe,  8  alte  Panzerkreuzer  und
5  geschütte  Kreuzer  nebst  9  Torpedobootszerstörern
und  einem  großen  Troß  von  Hilfsschiffen.  Diese
Flotte  wurde  am  27.  Mai  1905,  morgens  5  Uhr,  von
einem  japanischen  Aufklärungskreuzer  vor  der  Südeinfahrt
  in  die  Koreastraße  gesichtet  etwa  50  Seemeilen
  südwestlich  von  der  Insel  Tsushima.  Der  japanische
  Admiral  Togo  hatte  seine  Flotte  an  der  südkoreanischen
  Küste  bei  Masampho  gesammelt;  je  eine
äußere  und  innere  Aufklärungslinie  schneller  Kreuzer
bewachten  die  Durchfahrten  beiderseits  Tsushima.
Die  japanische  Flotte  zählte  nur  4  Linienschiffe,  aber
8  große,  fast  den  Linienschiffen  gleichwertige  Panzer-