Full text : Das Staatsrecht der Preußischen Monarchie. Erster Band. (1)

Verlust  der  Staatsangehörigkeit.  (8.  49.)  623
wenn  Vater  oder  Mutter  die  Entlassung  für  sich  und  zugleich  kraft  elterlicher  Gewalt
für  ein  Kind  beantragen.  Erstreckt  sich  der  Wirkungskreis  eines  der  Mutter  bestellten
Beistandes  auf  die  Sorge  für  die  Person  des  Kindes,  so  bedarf  die  Mutter  in  einem
solchen  Falle  der  Genehmigung  des  Beistandes  zum  Antrag  auf  Entlassung  des
Kindes.  !  Wenn  der  Nachweis  der  in  einem  andern  Einzelstaate  des  Reiches  erfolgten
Aufnahme  nicht  geführt  wird,  so  kann  die  Entlassung  unter  gewissen  Umständen  verweigert
  werden  (8.  15,  Abs.  2  a.  a.  O.),  und  wenn  sie  dennoch  gewährt  wird,  so
darf  an  Stempelabgaben  und  Ausfertigungsgebühren  zusammen  nicht  mehr  als  höchstens
drei  Mark  erhoben  werden  (8.  24,  Abs.  2  a.  a.  O.).  In  Ermangelung  des  im  §.  15,
Abs.  1  gedachten  Nachweises  darf  die  Entlassung  nicht  erteilt  werden:  a)  Wehrpflichtigen,
  welche  sich  in  dem  Alter  vom  vollendeten  siebzehnten  bis  zum  vollendeten  fünfundzwanzigsten
  Lebensjahre  befinden,  bevor  sie  ein  Zeugnis  der  Ersatzkommission?  darüber
  beigebracht  haben,  daß  sie  die  Entlassung  nicht  bloß  in  der  Absicht  nachsuchen,
um  sich  der  Dienstpflicht  im  stehenden  Heere  oder  in  der  Flotte  zu  entziehen  s;
b)  Militärpersonen,  welche  zum  stehenden  Heere  oder  zur  Flotte  gehören,  und  Offizieren
  des  Beurlaubtenstandes,  bevor  sie  aus  dem  Dienst  entlassen  sind";  ebenso  c)  Beamten
  5,  bevor  sie  aus  dem  Dienste  entlassen  sind;  d)  den  zur  Reserve  des  stehenden
  Heeres  und  zur  Landwehr,  sowie  den  zur  Reserve  der  Flotte  und  zur  Seewehr

gehörigen  und  nicht  als  Offiziere  angestellten  Personen,
Dienste  einberufen  worden  sind  é  (§.  15,  Abs.  2  a.  a.  O.);

nachdem  sie  zum  aktiven
e)  Offiziere  und  Sanitäts-1

  Einf.  G.  zum  Bürg.  G.  B.,  Art.  41,  II.

ꝛ  In  dem  §.  15,  Abs.  2,  Ziffer  1  des  Ges.
v.  1.  Juni  1870  heißt  es:  „Kreisersatzkommission“.
  Vgl.  jedoch  §.  30,  Ziffer  3  zu  a  des
Reichsmilitärges.  2.  Mai  1874  (R.  G.  Bl.
1874,  S.  53).

9  über  das  von  der  Ersatzkommission  in  dieser
Beziehung  zu  beobachtende  Verfahren  bestimmt
die  Wehrordnung  v.  22.  Nov.  1888  (Centr.  Bl.
1889,  S.  1  ff.),  8.  27,  Ziffer  2  (vgl.  dazu  Erl.
des  Reichsamtes  d.  Innern  v.  20.  Jan.  1883
bei  Cahn,  Komment.,  S.  129),  daß  die  Ersatzkommissionen
  pflichtmäßig  zu  erwägen  haben,  ob
der  Nachsuchung  der  Auswanderungserlaubnis
die  versteckte  Absicht  zu  Grunde  liegt,  sich  der
Dienstpflicht  im  stebenden  Heere  oder  in  der
Flotte  zu  entziehen,  und  wenn  dies  nicht  der
Fall  ist,  das  Zeugnis  zu  erteilen,  andernfalls
zu  verweigern,  sowie,  daß  die  desfallsigen  Entscheidungen
  der  ständigen  Mitglieder  der  Ersatzkommission
  als  endgültig  zu  betrachten  sind:
endlich,  daß  bei  Meinungsverschiedenheit  der  beiden
  ständigen  Mitglieder  der  Ersatzkommission
die  Entscheidung  der  Oberersatzkommission  einzuholen
  und  bis  zum  Eingange  dieser  Entscheidung
  von  der  Erteilung  der  Auswanderungserlaubnis
  Abstand  zu  nehmen  sei.  —  Vgl.  auch
die  Strafbestimmung  im  Reichsstrafgesetzb.,  s.  140.
Vor  Aushändigung  der  Entlassungsurkunde  kann
die  Erklärung  der  Ersatzkommission  immer  geändert
  werden.  Einer  Nachprüfung  im  Verwaltungsstreitverfahren
  Anterltet  jene  Erklärung
nicht:  O.  V.  G.,  XV,  S.  410  ff.

Offiziere  und  im  DOffziersrange  stebende
Arzte  des  Beurlanbtenstandes,  welche  ohne  Erlaubnis
  auswandern,  werden  mit  Geldstrafe  bis
zu  3000  Mk.  oder  mit  Haft  oder  mit  Gefängnis
  bis  zu  6  Monaten  bestraft  (R.  Mil.  G.,
8.  60,  Nr.  2,  und  Reichsstrafgesetzb.,  §.  140).
Vgl.  die  Mitreeiete  des  D.  Neichs,  Bd.  I,
Abt.  II,  S.  78,  Anm.  5.

*  Uber  den  Begriff  „Beamten“  vgl.  Riedel,
Reichsverf.,  S.  264,  Anm.  7  zum  §.  15,  Seydel
in  Hirths  Ann.,  Jahrg.  1876,  S.  147,  Anm.  3,
sowie  die  Lehrbücher  des  Staatsrechtes.  Der
Begriff  ist  überaus  streitig;  vgl.  auch  oben
S.  420  fg.

G.  Meyer,  Lehrb.  des  D.  St.  R.,  S.  190,
Anm.  14,  ist  der  Ansicht,  daß  die  in  8.  12,
Nr.  2  des  Ges.  v.  1.  Juni  1870  für  Offiziere
des  Beurlaubtenstandes  vorgeschriebene  vorberige
Entlassung  aus  dem  Dienste  nach  dem  Erlaß
der  Bestimmung  des  §.  60  des  Reichemilitärges.
v.  2.  Mai  1874  nicht  mehr  erforderlich,  sondern
anzunehmen  sei,  daß  durch  eine  mit  Genehmigung
  der  Militärbehörde  erfolgte  Aufgabe  der
Reichs=  und  Staatsangehörigkeit  auch  das  Dienstverbältnis
  erlischt.

*  Nur  wenn  sie  zum  aktiven  Dienste  einberufen
  sind,  darf  den  unter  Ziffer  3  des  Abs.  2
des  §.  15  des  Gesetzes  genannten  Personen  die
Entlassungsurkunde  versagt  werden.  Dieselben
sind  indes  verpflichtet,  vor  der  Auswanderung
die  Entlassungsurkunde  nachzusuchen  —  nicht
nur,  wie  die  Ersatzreservisten  I.  Klasse,  der  Militärbehörde
  von  ihrer  bevorstehenden  Auswanderung
  Anzeige  zu  machen.  Andernfalls  verfallen
sie  der  Strafbestimmung  des  §.  360,  Nr.  3  des
Reichsstrafgesetzb.  —  Vor  Erteilung  der  Auswanderungserlaubnis
  ist  durch  die  Polizeibehörde
dem  Landwehrbezirkskommando  Mitteilung  zu
machen;  die  Aushändigung  der  Auswanderungserlaubnis
  darf  erst  erfolgen,  nachdem  das  Landwehrbezirkskommando
  bescheinigt  hat,  daß  der
Auswanderung  eine  Einberufung  zum  aktiven
Dienste  nicht  entgegenstebt.  —  Die  Einberufung
ist  als  erfolgt  anzusehen,  nachdem  die  Einberufungsordre
  ausgehändigt  oder  eine  öffentliche
  Aufforderung  zur  Gestellung  ergangen  ist.
—  Gegen  Reservisten  und  Webrleute,  welche  sich
der  erfolgten  Einberufung  zum  aktiven  Dienste
im  Frieden  durch  unerlaubte  Auswanderung