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Jedenfalls ist es ein Unding, den Egoismus praktisch zu dulden
und politisch zu fördern und ihn theoretisch zu bekämpfen; deshalb kann
auch das natürliche moralische Gebot in uns nicht heißen: Liebe Gott
über alles und deinen Nächsten als dich selbst! Sondern: Liebe Gott
und deinen Nächsten um deinetwegen! — Alle stillschweigende Voraussetzung
bei dem gemeinschaftlichen Handeln der Menschen und ihren gesellschaftlichen
Gesetzen und Übereinkommen stützt sich auf letzteres
Gebot, wobei dem Ich selbstverständlich auch die Nachkommen eingerechnet
werden müssen. Das Gebot ist deshalb nicht nur der kategorische
Imperativ des Materialismus, sondern auch ein natürliches Sittengesetz
in uns, das uns den Willen Gottes offenbart.
Handeln wir nach diesem Gebot, so werden wir zu einem seelischen
Gleichgewicht kommen, in dem wir unsere ganze Glückseligkeit finden,
die schließlich objektiv nur darin bestehen kann, daß wir uns in unseren
Nachkommen als harmonischer Teil des Ganzen weiter entwickeln
können. Subjektiv gibt es uns die Selbstzufriedenheit, daß wir uns in
unserem Tun und Treiben in Übereinstimmung mit unserem Weltzweck
befinden; dieses heißt aber auch, daß ausschließlich die Erde · unser
paradiesischer Himmel ist, so daß wir aus dieser Glückseligkeit weder zu
dem Postulat von dem Dasein einer menschlichen Seele noch zu demjenigen
von dem Dasein Gottes kommen.
Wie wir aber bereits bei der Erörterung der Empfindung und
des Willens gesehen haben, hat die materialistische Betrachtung dieser
sowohl zu der Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit einer Weltempfindung
als auch Weltwillen geführt, die wir, ohne uns wissenschaftlich Gewalt
anzutun, ruhig Gott nennen können. Inbezug auf unseren Weltzweck
kann unsere materialistische Auffassung des Weltgeschehens ohne Bedenken
für das Dasein Gottes sogar den physiko-theologischen Beweis
der Theologie für sich reklamieren.
Wie wir bei der Erörterung der Kantschen Philosophie gesehen
haben, schließt dieser Beweis aus der Zweckmäßigkeit der Natur auf
die absolute Weisheit und Macht eines Urhebers. D. h. nach unserer
materialistischen Anschauung geschieht innerhalb einer Kausalreihe
nichts aus Freiheit, sondern alles aus Notwendigkeit. Auf eine bestimmte
Ursache muß notwendig infolge der Naturgesetzmäßigkeit innerhalb
der Reihe eine bestimmte Wirkung erfolgen. Innerhalb eines
Kausalnexus gibt es aber keine Wahl, daher auch keine Freiheit und
keinen Zweck. Nun kann aber ein ganzer Kausalnexus von einer
geistigen Ursache ausgehen, da der Mensch die Wahlfreiheit hat, diesen
oder einen andern veranlassen zu können. Die Ursache für den ganzen
Kausalnexus ist also der Zweck. D. h. Wahl und Freiheit setzen überhaupt
eine Zweckmäßigkeit voraus und umgekehrt.