Full text : Sozialdemokratie, Christentum, Materialismus und der Krieg.

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Jedenfalls  ist  es  ein  Unding,  den  Egoismus  praktisch  zu  dulden
und  politisch  zu  fördern  und  ihn  theoretisch  zu  bekämpfen;  deshalb  kann
auch  das  natürliche  moralische  Gebot  in  uns  nicht  heißen:  Liebe  Gott
über  alles  und  deinen  Nächsten  als  dich  selbst!  Sondern:  Liebe  Gott
und  deinen  Nächsten  um  deinetwegen!  —  Alle  stillschweigende  Voraussetzung
  bei  dem  gemeinschaftlichen  Handeln  der  Menschen  und  ihren  gesellschaftlichen
  Gesetzen  und  Übereinkommen  stützt  sich  auf  letzteres
Gebot,  wobei  dem  Ich  selbstverständlich  auch  die  Nachkommen  eingerechnet
  werden  müssen.  Das  Gebot  ist  deshalb  nicht  nur  der  kategorische
Imperativ  des  Materialismus,  sondern  auch  ein  natürliches  Sittengesetz
  in  uns,  das  uns  den  Willen  Gottes  offenbart.

Handeln  wir  nach  diesem  Gebot,  so  werden  wir  zu  einem  seelischen
Gleichgewicht  kommen,  in  dem  wir  unsere  ganze  Glückseligkeit  finden,
die  schließlich  objektiv  nur  darin  bestehen  kann,  daß  wir  uns  in  unseren
Nachkommen  als  harmonischer  Teil  des  Ganzen  weiter  entwickeln
können.  Subjektiv  gibt  es  uns  die  Selbstzufriedenheit,  daß  wir  uns  in
unserem  Tun  und  Treiben  in  Übereinstimmung  mit  unserem  Weltzweck
befinden;  dieses  heißt  aber  auch,  daß  ausschließlich  die  Erde  ·  unser
paradiesischer  Himmel  ist,  so  daß  wir  aus  dieser  Glückseligkeit  weder  zu
dem  Postulat  von  dem  Dasein  einer  menschlichen  Seele  noch  zu  demjenigen
  von  dem  Dasein  Gottes  kommen.

Wie  wir  aber  bereits  bei  der  Erörterung  der  Empfindung  und
des  Willens  gesehen  haben,  hat  die  materialistische  Betrachtung  dieser
sowohl  zu  der  Möglichkeit  und  Wahrscheinlichkeit  einer  Weltempfindung
als  auch  Weltwillen  geführt,  die  wir,  ohne  uns  wissenschaftlich  Gewalt
anzutun,  ruhig  Gott  nennen  können.  Inbezug  auf  unseren  Weltzweck
kann  unsere  materialistische  Auffassung  des  Weltgeschehens  ohne  Bedenken
  für  das  Dasein  Gottes  sogar  den  physiko-theologischen  Beweis
der  Theologie  für  sich  reklamieren.

Wie  wir  bei  der  Erörterung  der  Kantschen  Philosophie  gesehen
haben,  schließt  dieser  Beweis  aus  der  Zweckmäßigkeit  der  Natur  auf
die  absolute  Weisheit  und  Macht  eines  Urhebers.  D.  h.  nach  unserer
materialistischen  Anschauung  geschieht  innerhalb  einer  Kausalreihe
nichts  aus  Freiheit,  sondern  alles  aus  Notwendigkeit.  Auf  eine  bestimmte
  Ursache  muß  notwendig  infolge  der  Naturgesetzmäßigkeit  innerhalb
  der  Reihe  eine  bestimmte  Wirkung  erfolgen.  Innerhalb  eines
Kausalnexus  gibt  es  aber  keine  Wahl,  daher  auch  keine  Freiheit  und
keinen  Zweck.  Nun  kann  aber  ein  ganzer  Kausalnexus  von  einer
geistigen  Ursache  ausgehen,  da  der  Mensch  die  Wahlfreiheit  hat,  diesen
oder  einen  andern  veranlassen  zu  können.  Die  Ursache  für  den  ganzen
Kausalnexus  ist  also  der  Zweck.  D.  h.  Wahl  und  Freiheit  setzen  überhaupt
  eine  Zweckmäßigkeit  voraus  und  umgekehrt.