Prell in Sibyllenort. 331
Damals spielte die Kniebeugungsfrage eine Rolle. Es war
an evangelischer Seite aufgefallen, daß bei Prozessionen auch
die protestantischen Pagen sich hinknien mußten. Diese Sache
hatte einen einfachen praktischen Grund, denn, wenn sie nicht
mit den Damen knieten, konnte die Schleppe zerreißen. Um
die Leute zu beruhigen, bestimmte der König, daß nur
katholische Kadetten in der Kirche Pagendienste tun, ebenso
nur katholische Soldaten Spalier bilden sollten. Darauf be-
zieht sich folgender Brief an Minister von der Planitz vom
1. Juni: „Mit herzlichem Dank habe ich Ihren Brief vom 1.
gestern erhalten, der mir ein neues Zeugniß Ihrer treuen und
anhänglichen Gesinnung ist. Die Sache selbst anbelangend,
bin ich ganz mit Ihnen einverstanden. Die Cadetten an-
langend, waren wir ja so schon einig. Den anderen Punkt
hielt ich für dienstlich nicht möglich, da Sie mich deßen ver-
sichern, so bin ich sehr froh, daß auch dieser Punkt aus der
Welt geschafft wird und diese kindische Agitation keinen
Boden mehr findet. Ich ermächtige Sie hiermit, diese 2 Punkte
in meinem Namen zu befehlen, daß die Sache schon am
Fronleichnamstag praktisch wird. Haben Sie die Güte, dieses
meinem Bruder mitzutheilen.“
Um Mitte Juni kehrte das Königspaar nach Strehlen zurück.
Ich wurde vom König zum Begräbnis des Großherzogs Peter
nach Oldenburg gesandt, das am 19. stattfand. Als ich zurück-
kam, konnte ich mich nicht melden, da wieder eine Blutung
eingetreten war. Aus diesem Grunde war es auch nicht mög-
lich, daß die Königin zum Begräbnis ihrer Tante nach Sig-
maringen fuhr. Am darauffolgenden Sonntag war Familien-
diner in Strehlen. Wir sahen den König nur einen Augen-
blick nach dem Essen. Er hatte aber nicht bemerkt, daß die
ganze Familie bei ihm war. Damals hat er auch, wenn ich
mich recht besinne, die Sterbesakramente empfangen. Wir
rechneten alle, daß es nicht mehr lange dauern würde. Und
doch hat er sich noch einmal erholt. Bald erschien er sogar
wieder bei dem Familiendiner.