Full text : Das Deutsche Reich zur Zeit Bismarcks.

234  I.  13.  Fürst  Bismarck  und  die  Parteien.  „Friktionen.“  (1871—78.)

Inschutznahme  Wageners  in  einem  Briese  vom  31.  Jannar  1873  eine  arge  Blöße
gegeben  habe.  Und  wenn  auch  Noon  selbst  dies  nicht  eingesehen  hätte,  so  sagte  es
ihm  die  ganze  deuische  Presse  aller  Parteien,  selbstverständlich  mit  Ausnahme  der
„Krenzzeitung“,  und  die  öffentliche  Meinung  rund  herans.  Das  mußte  seinen  Stolz
verletzen.  Aber  bei  weitem  unleidlicher  noch  wurde  ihm  das  neue  Amt  durch  die  Notwendigkeit,
  an  einer  Gesetzgebung  mitzuwirken,  ja  sie  durch  seine  Mitverantwortlichkeit
decken  zu  müssen,  welche  seinen  eigenen  persönlichen,  politischen  wie  kirchlichen,  Anschauungen
  widersprach;  namentlich  an  der  „Maigesetzgebung“.  Neben  seiner  Hinsälligkeit,
  welche  durch  diese  inneren  Verstimmungen  und  Kämpfe  seiner  Seele  natürlich
  nur  erhöht  wurde,  bezeichnet  er  auch  in  der  That  diese  politischen  Argernisse  in
einem  vertrauten  Briefe  an  seinen  Neffen  Blanckenburg  als  den  Hauptgrund  für  sein
am  5.  Oktober  1873  an  den  König  gerichtetes  Gesuch  um  Enthebung  von  allen  seinen
Amtern  (II,  599):  "

„Ich  würde  gewiß  nicht  an  Ruhe  und  Ausspannung  denken,  wenn  ich  arbeilsfähig,  wenn
meine  fernere  Einspannung  nicht  den  Interessen,  für  die  ich  so  lange  gewirll,  geradezu  schädlich
wäre.  Ich,  abgestumpft  wie  ich  bin,  fühle  mich  auster  stande,  die  heranbrausenden  Fluten  aufzuhalten
  und  zuriückzudämmen.  Ich  habe  durch  meine  Zustimmung  zur  Kreisordnung  und  den
Maigesetzen  bewiesen,  dast  ich  den  lonservativen  Standpunkt  von  1848  überwunden  habe  und
vernünftige  Fortentwickelung  aufrichtig  will.  Aber  zu  einer  übersteigenden  Cadence  sehlt  mir
der  Alem  in  physischem  und  bildlichem  Sinne.“

In  seinem  Abschiedsbriese  an  Bismarck  dagegen  verrät  er,  jedenfalls  um  den
Freund  nicht  zu  verstimmen,  kein  Wort  von  diesen  politischen  Beweggründen  (11,  599
—601).

Fürst  Bismarck  übernahm  also  nun  am  9.  November  1873,  am  Tage  von  Noons
Rücktritt,  die  Ministerpräsidentschaft  wieder  und  trat  somit  den  inzwischen  infolge  der
Maigesetzgebmig  noch  unversöhnlicher  gestimmten  Konservativen  wieder  persönlich
gegenüber.  Daß  der  „liberale“  Finanzminister  Camphausen  aber  in  Wahrheit  als
Stellvertreter  Bismarcks  im  Vorsitz  des  Staatsministeriums  die  Geschäfte  des  Ministerpräsidenten
  führen  sollte,  war  noch  eine  besondere  Ursache  konservativer  Erbitterung.
Unter  solchen  Umständen  zögerte  die  große  Mehrheit  der  konservativen  Partei  nicht,
ihren  völligen  Bruch  mit  Bismarck  bei  jeder  Gelegenheit  hervortreten  zu  lassen.  Sie
war  bei  ihrer  bis  zum  Hasse  gesteigerten  Abneigung  gegen  den  Fürsten  durchaus  nicht
der  Uberzengung  Noous  von  Bismarcks  Unentbehrlichkeit  und  Unersetzbarkeit.  Sie
war  auch  keineswegs  der  Meinung,  daß  sich  „kein  Besserer“  finden  lasse.  Im  (egenteil,
  die  konservative  Fronde  hielt  diesen  „Besseren“  schon  bereit  und  hoffte  um  so
sicherer,  ihn  recht  bald  als  Reichslanzler  aun  Bismarcks  Stelle  zu  bringen,  da  er
in  hervorragendem  Maße  die  Gunst  der  Kaiserin  Augusta  besaß  und  das  Ohr  des
Kaisers  mit  einer  alle  Ratschläge  Bismarcks  übertönenden  Stimme  beherrschte.  Dieser
„bessere  Mann“  hieß  Graf  Harry  von  Arnim.  Daß  er  von  den  Konsewativen
und  von  den  Bismarck  abgeneigten  Hoskreisen  nach  Bismarcks  Sturz  zum  Reichs.
kanzler  ausersehen  war,  hat  der  spätere  Prozeß  gegen  Arnim  klar  und  muwiderleglich
  enthüllt.  Daß  die  Konservativen  aber  auch  wußten,  welch  großen  Einfluß  und