Contents : Fürst Bülows Reden. 1. Band 1897-1903. (1)

Februar  1903.  415

Nun  hat  der  Herr  Abgeordnete  Ledebour  weiter  gemeint,  wir  branchten
gar  keine  Kriegsflotte.  Meine  Herren,  diese  seine  Aeußerung  stimmte,
wenn  nicht  der  Form,  so  doch  dem  Sinne  nach,  völlig  überein  mit  einer
Bemerkung,  dic  vor  über  50  Jahren,  damals,  als  das  deutsche  Volk  im
Jahre  1848  zum  erstenmal  den  Wunsch  hegte,  auch  eine  Flotte  zu  haben,
ein  fremder  Parlamentarier  machte.  Er  wandte  nämlich  auf  diese  Bestrebungen
  des  deutschen  Volkes  das  Wort  des  Horaz  an:  ephippia  bos“.
„Ephippia  bos“,  meinte  jener  fremde  Politiker,  d.  h.  was  soll  dem  Ochsen
Zaumzeng,  was  brancht  das  deutsche  Volk  eine  Flotte!  Nun,  ich  meine,
sowohl  gegenüber  jenem  längst  verstorbenen  ausländischen  Politiker,  wie
gegenüber  dem  Herrn  Abgcordneten  Ledebour  wird  die  sehr  große  Mehrheit
  des  dentschen  Volkes  daran  festhalten,  daß  wir,  nicht  zu  aggressiven
Zwecken,  wohl  aber  zur  Verteidigung  unserer  Küsten  wie  zum  Schntze
unserer  übersceischen  Angehörigen  und  Interessen,  das  Recht  haben,  uns
eine  Flotte  zu  schaffen.

Der  Herr  Abgcorducte  Ledebour  hat  mir  weiter  vorgeworfen,  ich
tricbe  Weltpolitik;  er  hat  diese  Weltpolitik  in  Bansch  und  Bogen
verurteilt.  Ich  habe  im  vergangenen  Jahre  einmal  gesagt,  daß  ich  mich
auf  dem  Felde  der  Weltpolitik  bemühe,  die  Mitte  zu  halten  zwischen  den
Anschanungen  der  Herrn  von  der  Linken  und  denjenigen  des  Herrn  Abgeordneten
  Hasse,  den  mir  gegenüber  zu  sehen  ich  in  diesem  Angenblicke
das  Vergnügen  habe.

(Heiterkeit.)

Ich  bitte  es  mir  nicht  als  Unbescheidenheit  auszulegen,  wenn  ich  sage,  ich
suche  mich  auf  diesem  Felde  von  den  Fehlern  beider  Richtungen  fern  zu
halten.  Ich  suche  mich  fern  zu  halten  von  einer  Anschauungsweise,  wie
sie  der  Herr  Abgcordnete  Ledebour  zum  Ausdruck  gebracht  hat,  die  ich
zu  kirchturmartig  finde,  von  der  Auffassungsweise,  die  unsere  politische
Aktionsfähigkeit  nicht  ausdehnen  will  über  unsere  vier  Pfähle,  die  aber
vergißt,  daß  uns  damit  im  Kampfe  ums  Dasein,  der  doch  nun  einmal
den  Inhalt  der  Weltgeschichte  bildet,  die  Wege  abgegraben  werden  würden,
daß  es  meines  Erachtens  eine  Schneckenpolitik  wäre,  die  wir  damit  machen
würden.  Denn  wenn  wir  auch  noch  so  sehr  die  Hörner  einzögen,  würde
unser  Schneckenhaus  schließlich  doch  zertreten  werden.

(Sehr  richtig!  und  Bravol)
Ich  suche  mich  aber  ebenso  fern  zu  halten  von  einer  Politik,  die  unsere
Aktionssphäre  zu  sehr  überspannen  würde,  die  sich  leiten  ließe  von  Gefühlen,
  von  vielleicht  edlen,  aber  hier  und  da  unklaren  Gefühlen,  statt