Full text : Die graue Felduniform.

194  Th.  Hertzko.  (194

förmigen  Werthrelation  von  15½:  1  gegen  Gold  zu  prägen,  und  das
Silber  würde  sofort  den  alten  Preis  wiedererlangen,  die  franzöfischen
5-Franksthaler  wären  wieder  eine  vollwerthige,  anständige  Münze,  das
Problem  wäre  also  gelöst  ohne  die  geringsten  Kosten  und  Unzukömmlichkeiten.


Auf  Grund  dieses  klar  und  nett  aufgestellten  Dilemma's  können  Sie
selbstverständlich  nicht  umhin,  ihrem  patriotischen  Schmerze  darüber  Ausdruck
  zu  verleihen,  daß  der  französische  Finanzminister  Leon  Say  es
unterlassen  habe,  dem  großherzigen,  von  der  tiefsten  wirthschaftlichen  Einsicht
  und  Uneigennützigkeit  diktirten  Vorschlage  der  amerikanischen  Minenbesitzer
  —  will  sagen  der  amerikanischen  Regierung  —  beizupflichten  und
mit  aller  Energie  der  Etablirung  eines  universellen  Münzbundes  zuzusteuern.


Das  wäre  nun  Alles  richtig  und  unanfechtbar,  wenn  eben  das  von
Ihnen  aufgestellte  Dilemma  bestünde;  dies  ist  aber  glücklicherweise  —  und
zwar  glücklicherweise  für  Frankreich  —  durchaus  nicht  der  Fall.  Weder
führen  nur  die  zwei  Wege,  die  Sie  als  die  einzig  möglichen  bezeichnet
haben,  zur  Wiederherstellung  der  französischen  Valuta,  noch  ist  es  richtig,
daß  die  von  Ihnen  bezeichneten  Wege  beide  zu  diesem  Ziele  führen.  Die
als  so  bequem,  einfach  und  unfehlbar  geschilderte  bimetallistische  Methode
hat  nämlich  den  kleinen  Uebelstand,  daß  sie  den  franzöfischen  Silberthalern
ihren  Charakter  als  unterwerthig  ausgeprägtes  Zeichengeld  gar  nicht  nehmen
würde.  Sie  könnte  das  Uebel  vertuschen,  verkleistern,  dem  oberflächlichen
Beobachter  verbergen;  beseitigen  aber  könnte  sie  es  nicht.  Dagegen  würde
die  monometallistische  Methode  allerdings  zu  den  von  Ihnen  mit  so  gräulichen
  Farben  ausgemalten  Konsequenzen  führen,  wenn  man  sich  bei  ihrer
Befolgung  streng  an  das  von  Ihnen  vorgezeichnete  Recept  halten  wollte.
Sie  übersehen  aber  in  der  Hitze  des  Streites,  daß  dies  gar  nicht  so  nothwendig
  ist.  Wer  sagt  Ihnen  denn,  daß  irgend  ein  ernsthafter  Staatsmann
der  Goldwährungspartei  Ihrem  Lande  den  aberwitzigen  Rath  ertheilen
wollte,  sich  seiner  2½  Milliarden  Franks  mit  einem  Schlage  zu  entledigen?
  Ist  Ihnen  denn  wirklich  niemals,  wenn  Sie  die  deutschen  Staatsmänner
  darob  verhöhnten,  daß  Sie  noch  immer  und  immer  nicht  die
Silberthaler  sämmtlich  verkauft  hätten,  ist  Ihnen  noch  niemals  der  Gedanke
  gekommen,  daß  dies  vernünftigerweise  anders  gar  nicht  sein  könne,
und  daß  für  die  deutsche  Regierung  ein  zwingender  Grund  durchaus  nicht  vorliege,
  die  Verkäufe  zu  forciren,  indem  ja  die  Goldwährung  trotz  der  noch
immer  vorhandenen  provisorischen  Silbercirkulation  mit  allen  ihren  Konsequenzen
  für  Deutschland  errungen  ist?  Die  deutsche  Reichsregierung  hatte
allerdings  gefehlt,  daß  fie  sich  anfänglich  mit  den  Silberverkäufen  nicht
mehr  beeilte;  jetzt  aber,  nachdem  die  Goldcirkulation  einmal  zur  Wahrheit
geworden  ist,  wäre  es  thöricht,  den  noch  vorhandenen  Silberbestand  gewaltsam
  zu  verschleudern.  Das  Leben  der  Nationen  bemißt  sich  nicht
nach  Jahren  und  eine  so  großartige  Reform  und  Umwälzung  wie  es  ein
Währungswechsel  ist,  darf  immerhin  ein  Decennium  und  nöthigenfalls  auch
darüber  hinaus  zu  ihrer  vollständigen  Durchführung  beanspruchen.  Damit
will  ich  keineswegs  gesagt  haben,  daß  meiner  Ansicht  nach  die  deutsche
Münzreform  nicht  in  diesem  Decennium  ganz  gut  durchgeführt  werden