Full text : Preußische Geschichte. Zweiter Band. (2)

IV.  Verwaltung,  wirtschaftliche  und  geistige  Zustände.  115

störende  Mensch  seines  Amtes  entsetzt  wurde,  umgab  ihn  höchstens
noch  mit  dem  Glorienschein  des  Martyriums.  In  Preußen
steigerte  die  lutherische  Agitation  noch  der  Streit  über  die  Souveränetät.
  Die  Friedensmahnungen  des  Kurfürsten  blieben
ebenso  erfolglos  wie  die  Vermittelung  Schwerine,  der  eine  Art
von  Religionsgespräch  hielt.  Von  Wittenberg  ermunterte  man
die  Lutheraner  zum  Ausharren,  und  die  theologische  Fakultät
unterstand  sich,  an  den  Kurfürsten  eine  öffentliche  Vermahnung
zu  richten:  blieb  diesem  etwas  anderes  übrig,  als  seinen  Unterthanen
  den  Besuch  Wittenbergs  zu  verbieten,  das  eine  Brutstätte
  des  Haders  geworden  sei?  Nur  unnachsichtiger  Zwang
konnte  solch  Gezänk  wenigstens  äußerlich  ersticken:  wenn  nicht
mehr  tagaus  tagein  gestritten,  geschmäht  und  geschimpft  werden
konnte,  gewöhnte  man  sich  vielleicht,  ruhig  nebeneinander  herzugehen.
  Nachdem  daher  auch  die  Erneuerung  von  Johann
Sigismunds  Erlaß  gegen  das  Schmähen  von  den  Kanzeln  (Anfang
  1662)  nichts  gebessert  hatte,  erging  am  26.  September
1664  ein  Edikt,  alle  märkischen  Geistlichen  sollten  sich  durch
einen  Revers  verpflichten,  das  Schmähen  von  der  Kanzel  hinfort
  zu  unterlassen.  Nur  einer  weigerte  sich  dessen,  Paul  Gerhard,
  der  berühmte  Dichter  geistlicher  Lieder,  damals  Prediger
an  der  Nikolaikirche  in  Berlin:  er  meinte,  der  weltlichen  Obrigkeit
  auf  die  Führung  seines  geistlichen  Amtes  keine  Art  von
Einfluß  gestatten  zu  dürfen.  Trotz  der  Verwendung  des  Rats
und  seiner  Gemeinde  wurde  er  seines  Amtes  entsetzt.  Der
Vorgang  erregte  die  Gemüter  so  tief,  daß  der  Kurfürst  die
Gründe  seiner  Strenge  in  einem  Manifest  vom  4.  Mai  10605
darlegte.  Niemals,  so  beteuerte  er,  habe  er  sich  angemaßt,
über  seiner  Unterthanen  Gewissen  und  Religion  einige  Gewalt
zu  üben,  sondern  lasse  allen  ohne  Unterschied  des  Glaubene
Guade  und  Beförderung  zu  teil  werden.  Auch  liege  ihm  nichto
serner,  als,  wie  man  seinen  Religionsgedikten  schuld  gebe,  eine
Religionomengerei  herbeizuführen  oder  gar  jemandem  gegen  sein
Gewissen  einen  Glanben  aufzuzswingen.  Etwas  besser  wurde  es
nun,  aber  noch  lange  nicht  gut.  Paul  Gerhard,  auf  erneute
Verwendung  trotz  mancher  Bedenken  ohne  Nevers  restitniert,
legte  sein  Amt  bald  freiwillig  nieder  und  folgte  einem  Rufe