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Wiens findet, während der klerikale hauptsächlich von
alpenländischen bäuerlichen Kreisen gewählt wird.
Die Sozialdemokraten. Als im Jahre 1896
die Kurie des allgemeinen Wahlrechts eingeführt
wurde, hatten bei den Wahlen des Jahres 1897 zum
ersten Male auch die Sozialdemokraten die Möglichkeit,
eine Vertretung im Parlamente zu gewinnen;
dies war bei den ersten Wahlen nach dem allgemeinen
Wahlrechte 1907 in noch viel ausgiebigerem Maße
der Fall. Die Sozialdemokraten zogen natürlich mit
dem Programm der internationalen Solidarität in
den Wahlkampf, und sie hatten ja hier in der Tat ein
dankbares Feld, ihre Theorie auf dem beschränkten
Boden des österreichischen Nationalitätenstreites zu
verwirklichen. Sie sind damit kläglich gescheitert; der
gemeinsame sozialdemokratische Klub, der nach den
Wahlen des Jahres 1907: 87 Mitglieder umfaßte,
fiel alsbald nach Nationalitäten auseinander. Insbesondere
waren es die tschechischen Sozialdemokraten,
die sich das Recht auf tschechisch = nationale Gewerk.-schaften
nicht bestreiten lassen wollten.
Gegenwärtiger Stand der Portrien- Auf der
Grundlage der hier in knappen Umrissen geschilderten
Entwicklung gewinnt das deutsche Parteiwesen
etwa seit den Wahlen von 1907 einen festen Rahmen.
Bei Einführung des allgemeinen Wahlrechts wurden
die Wahlkreise national möglichst scharf abgegrenzt,
so daß man von einem nationalen Besitzstand sprechen
kann, dessen Verschiebung zugunsten der einen oder
andern Nationalität bei den Wahlen kaum denkbar
ist; er könnte nur auf dem Wege der Gesetzgebung
geändert werden, wozu aber eine besonders qualifiierte
Mehrheit erforderlich ist. Den Deutschen wurden
damals 233 von insgesamt 516 Sitzen im Abcordnetenhause
zugewiesen; 23 Sitze fielen den Itaienern
und Rumänen, 260 den Slawen zu.
Nach den letzten Wahlen des Jahres 1911 ergab
sich folgendes Bild der Verteilung der deutschen Man.
date: etwa 100 fielen auf den Deutschen Nationalverband,
der die freiheitlich gesinnten Deutschen umfaßt,
76 auf die Christlich-Sozialen (einschließlich der
Altklerikalen), 42 auf die Sozialdemokraten deutscher
Zunge, der Rest verteilt sich auf 4 Alldeutsche Schönererscher
Richtung, eine kleine Gruppe in Wien gewählter
Demokraten und einige Wilde.
Die stärkste deutsche Gruppe, der Nationalverband,
weist in seiner Zusammensetzung noch auf jene Entwicklung
des deutschen Parteilebens hin, die früher
eschildert wurde. Er ist nicht eine einheitliche Partei,
sondern die parlamentarische Zusammenfassung von
Parteien und einzelnen Abgeordneten, zwischen denen
allerdings programmatische Verschiedenheiten wesentlicher
Art kaum bestehen und der trotz der etwas umständlichen
Handhabung der Führung doch auch in
allen wesentlichen politischen Fragen im Parlamente
eschlossen vorging. Die Wahlen des Jahres 1897
hatten den Sieg der nationalen Richtung über die
altliberale enschieden ; hatte jene die Verteidigung
des deutschen Volkstums, diese die Sorge für den
Staat und die Regierungsfähigkeit der Partei in den
Vordergrund gestellt, so hat sich schließlich doch eine
mittlere Linie für gemeinsames Handeln gefunden.
Die Haltung der Regierung zwang auch die Liberalen,
sich in erster Linie der Abwehr gegen eine Schmälerung
deutscher Volksrechte zu widmen, während sich
die Nationalen der Erkenntnis nicht verschließen konnten,
daß der Bestand des Staates und seine Wehrhaftigkeit
auch ein deutsches Interesse sei. Auch in der
I. Politik und Geschichte
Judenfrage ergab sich schließlich ein für die praktische
Zusammenarbeit brauchbares Kompromiß. Die nationalen
Parteien, die die alte liberale Partei verdrängt
hatten, waren in Böhmen vorallem die deutschradikale
Partei, in den Alpenländern die deutsche
Volkspartei. Jene hat ihren Parteicharakter auch
innerhalb des Nationalverbandes gewahrt, diese ist
im Nationalverband aufgegangen und besitzt nur
mehr provinzielle Orgamsallonen. Das gleiche gilt
von dem Reste der liberalen Partei, der sich in Mäbren
erhalten hat, wo ein Teil des Judentums mit
den Deutschen zusammengeht und zur Verteidigung
der deutschen Interessen kaum zu entbehren ist. Daneben
hat sich eine deutsche Agrarpartei gebildet,
die ihren Anhang hauptsächlich in Böhmen und
Mähren findet.
Zwischen der nationalfreiheitlichen und der christlich-sozial-klerikalen
Gruppe hat sich seit der Badenizeit
eine fortschreitende Annäherung vollzogen. Zwar
scheiden die beiden Gruppen grundsätzliche Berschiedenheiten
der Weltanschauung, die gewiß auch in Zukunft
bestehen bleiben werden und an eine Verschmelzung
der beiden Parteien zu einer einzigen deutsch-bürgerlichen
Partei kaum denken lassen. Zur politischen
Durchsetzung der einen oder andern Weltanschauung
bot indes das österreichische Parlament keinen geeigneten
Boden; er konnte es nur unter der Voraussetzung
sein, daß die Vertreter aller Nationen sich
nicht nach ihrem nationalen Bekenntnis, sondern nach
freiheitlicher oder klerikaler Weltanschauung zusammenfänden.
An Versuchen in dieser Richtung hat es
nicht gefehlt; sie sind meist von deutscher Seite ausgegangen,
aber stets völlig gescheitert. Anderseits sind
auch an die Christlich-Sozialen immer wieder nationale
Fragen herangetreten, wie sie z. B. durch die
tschechische Zuwanderung nach Wien und die von den
Tschechen in bezug auf das Wiener Schulwesen gestellten
Forderungen entstanden sind. Hier ergab sich
naturgemäß der Boden für ein gemeinsames Zusammenarbeiten
mit den andern deutsch-bürgerlichen
Parteien. Als sich nach Ausbruch des Wel kkrieges in
deutschen Kreisen das Bedürfnis immer stärker äußerte,
ein Bild von der Neugestaltung der politischen Verhältnisse
in Osterreich nach dem Kriege zu gewinnen,
fanden zwischen den Vertretern des Nation alverbandes
und der christlich-sozialen Partei Verhandlungen
statt, die eine Art von nationalpolitischem Mindestprogramm
festlegten, das als Ergebnis nach dem
Kriege verwirklicht werden soll-Die
nichtdentschen Bölker. Eine wesentlich andere
Entwicklung als die hier geschilderte des deutschen
Parteiwesens hat das der Flowischen Völker
Osterreichs genommen. Während sich die Deutschen
infolge ihrer stärkeren sozialen Gliederung und ihrer
alten Kultur, die ihr geistiges Leben viel reicher gestaltet,
erst nach überwindung großer Gegensätze
schließlich auf einer gemeinsamen nationalen Plattform
einigen konnten, war für die flawischen Völker
der nationale Standpunkt bei jeder politischen Betätigung
von vornherein gegeben. In dem Maße, als
sie sich kulturell entwickelten und ihre Bolksangehörigen
immer mehr politisierten, traten indes immer
zahlreicher Gegensätze und Parteischattierungen auf,
die freilich nie die nationale Grundlage ihrer politischen
Betätigung zu sprengen vermochten, d. h. der
Regierung und den anders- nationalen Parteien gegenüber
waren sie doch fatt stets eine geschlossene, wenn
auch infolge innerer Spaltungen nicht immer sehr