986 Die Volksschullehrerbildung.
Der Seminarunterricht schließt es aus, die oben berührten Einzelteile der (s2schichte
gleichmäßig zur Behandlung zu bringen. Im Vordergrunde wird von der Sozialgeschichte
die äußere Geschichte stehen, aber auch die andern Disziplinen sollen, wenn auch im
bescheidenen Maße eine Stätte finden, namentlich muß sich die Kultur- und (ieistesgeschichte
organisch eingliedern. Bei der Kulturgeschichte ist, ebenso wie bei der
Kirchengeschichte, auf die Heimatprovinz Rücksicht zu nehmen, — die Geschichtsbetrachtung
in Schule und Seminar hat schon längst auf historischem Gebiete gepflegt,
was für das ästhetische jetzt durch die sogenannte Heimatkunst gefordert wird. Auch
auf die Vor- und Frühgeschichte wäre einzugehen; ein von dr Unterrichtsverwaltung
herausgegebenes „Merkbuch“ regt dazu an, besonders unterweist es den künftigen l.chrer,
wie ersich in seinem Amte bei Auffindung vorgeschichtlicher Altertümer zu verhalten
hat, um der Geschichtswissenschaft einen Dienst zu erweisen. Aber auch der Sinn für
die heimischen Denkmäler der Malerei, Skulptur, Bau- und Handwerkskunst früherer Zeit soll
geweckt werden; die Seminare sind verpflichtet, die Zeitschrift „Die Denkmalspflege“ zu
halten und den Seminaristen zugänglich zu machen.
Der (seschichtsunterricht der Oberklasse des Seminars erweitert sich zu einer
Staats- und Volkswirtschaftskunde der (regenwart. Verfassung, Verwaltung, Sozial- und
Wirtschaftspolitik werden nach ihrer geschichtlichen Entwicklung unter besonderer Rücksicht
auf die Verdienste der Hohenzollern, sowie nach ihrem Bestande dargel:gt. Dadurch
hat die schon seit ein und einem halben Jahrzehnt erhobene Forderung nach volkswirtschaftlichem
Unterricht für das Seminar eine teilweise Frfüllung gefunden. Ein besonderes
J.ehrfach ist die National-Ökonomie noch nicht, sie hat in der Geschichte und
wie bald gezeigt wird, in Mathematik und Erdkunde ihren Platz.
Geschichte ist das Fach, in dem weiteren Kreisen der Begrifi' der (Juellen am
klarsten vor Augen liegt und bekannt ist. Jene großen Quellenveröflentlichungen, die
mit der vom Freiherrn vom Stein angeregten Herausgabe der Monumenta Germania>
historica 1820 ihren Anfang nahm, haben eine Hochflut von Urkunden- und Aktenpublikationen
im deutschen Vaterland angeregt, und das Ausland ist keineswegs zurückgeblieben.
Schier unübersehbar haben sich die Schätze der Vergangenheit geöflnet. Der
Schule ist es dadurch leicht gemacht, sich für ihre Zwecke der Geschichtsquellen zu bedienen.
Die Quellen jedoch, die für Schule und Seminar nutzbar gemacht werden
können, sind naturgemäß gewissen Beschränkungen unterworfen; zudem darf man nicht
außer acht lassen, daß sie oft recht nüchtern und trocken sind. Darum sollen nicht nur
(Juellen im Unterricht und in der Privatiektüre verwendet, vielmehr auch die Werke
der neueren (seschichtsschreiber in einzelnen Abschnitten herangezogen werden. Deutschland
besitzt eine Reihe geradezu klassischer Schriften auf dem Gebiete der historischen
Forschung, nur an Ranke, Treitschke, Mommsen sei erinnert. Eine (sefahr birgt die
(Quellenbenutzung. Der Seminarist erhält nämlich eine nach den Grundsätzen der geschichtlichen
Kritik ausgewählte Sammlung; (relegenheit, wenn auch in recht bescheidenem
Maße an den Quellen Kritik zu üben, d. h. sie nach ihrem Wert und ihrer Wahrheit zu
beurteilen, wird sich kaum finden. Zu leicht verwendet der im Amte stehende junge
lehrer die in seine Hände gelangenden (Jucllen, sei es solche für die Ortsgeschichte
oder für eine andere historische Arbeit, ohne sie zu prüfen und ohne sie recht zu bewerten.
Darum ist es höchst wünschenswert, auch Stücke in die Quellensammlungen
aufzunehmen, an denen eine Kritik, wenn auch nur in mäßigem Umfange möglich ist.
Diese Beschränkung ist naturgemäß, da zunächst die erforderliche Zeit fehlt, sodann ist
es nicht Aufgabe des Seminars, zünftige Historiker heranzubilden; das bleibt der Universität
vorbehalten. Aber Anregungen möge der künftige Lehrer empfangen, und auf
jeden Fall muß der Geschichtslehrer betonen, daß die Arbeit des Sichtens und Beurteilens
bei den (Jucellenbüchern schon vom Ilerausgeber vollzogen ist. |