1161 Gewahrsam — Gewalt.
als wahr erweisen: auf den heiligen gewähren (schwören)
Stieler als Formel der älteren Rechtsspr.; = prüsen,
erwahren, in der Formel gewähren lassen: (er) lasse
mich gewärcn, ob ich dem Avaro- bicht eben so
viel geid .. zuwege bringen mögte Simpl. 2, 147; in
neuerer Spr. verblaßt zu der Bed. nicht hinderlich sein:
drum laszt uns gewübren, und quält uns nicht mehr
Bürger an die kalten Vernünftler; fürs andre laszt
uns andere gewähren Schiller Br. v. Mess. 95; man
liesz eben von beiden seiten alles so fort gewährcn
Goethe Wahlverw. 2, 10; wenn Blucher eeinen
Gneisenau gewäbren liess Droysen ork 2, P6.
Gewahrsam, m., früber f., das Bewahren, Aufsicht,
mhd. gewarsame; namentlich der sichere Schutz, Aufenkhalt:
ward - aus der stat Jerusalem geschickt an
sein gwarsam Aventin 1, 770; kaum aber ist alles
dicses gute in des menschen gewahrsam gebracht
Goethe 33, 151; etwas in seine gewahrsame (Hut,
Verwahrung) dringen Adelung; Gefängnis: gewabrsäme,
curtodfa, Arrest Frisch; einen in gewahrsam
bringen, stecken, führen: der strengen gewahrsam
eures oheims anvertraut Schiller M. Stuart 2,8.—
Gewährung, k. nach gewähren 1, Erfüllung, eines
wunsches, einer bitte; nahmen Sie wohl den brief
ihr ab mit eigner hand. gewahrung winkend Heyse
21, 140; was gewährt, zugestanden ist: ein zweites gesctz,
das den gewührungen des concordats die spitze
abbrechen sollte Treitschke 2, 351.
Gewalt, k. Handlung und Zustand des Waltens,
Herrschens, Regierens: westgerm. Wort verschiedenen
Geschlechts, altengl. geweald als Masc. und Nentr.,
altsächs. giwald, Fem. und Neutr., ahd. giwalt Masc.
und Fem., mhd. gewalt ebenso, das Fem. besonders in
mitteldeutschen Quellen; das ältere Nhd. braucht noch
oft das Masc.: den gewalt 1. Macc. 2, 67; der winter
kum mit rauhem gewalt Wickram Goldf. D 2b; thet
sich groszes gwalts unterston Opel-Cohn 94; seit
dem späteren 17. Ih. in der Schriftspr. nicht mebr. Ein
Plur. gewülte entspricht mhd. gewelde, ist aber zu Gunsten
von gewalten vereinzelt geblieben: wer mich hierum wil
schelten, der fluche den pewalten Schwieger geharn.
Venus 16. Bed. 1) Herrschermacht, ihre Ausübung und
ihr Bereich, ahd. giwalt, meskas, imperium, potestas:
in allen dien steten där sin gewalt sĩ Notker Pf.
102, 22; mhd. des kunec Artüses gewalt (Gebiet) Erec
6756; uhd. weniger in örtlichem Sinne: bei jm (Gott)
ist weisheit und gewalt Hiob 12, 13; da künig Mann
das drei und dreiszigist jar seines gewalts erraicht het
Aventin 1, 90; demnach ward ein neuer gewalt zue
Rom aufgericht, man tet allen andern gewalt und
empter ab 287; gewalt, herrschung, regiment Henisch;
in neuerer Spr. auch noch vorhanden, obwohl durch die
solgende allgemeine Bed. (2) an Schärfe geschwächt:
man pflanze auf die schwerter der gewalt Schiller
Tell 2, 2; kaiserliche herrschgewalt und wurde Picc.
2, 7; im Plur.: zur morgengabe scheuk ich meiuer
braut die fürstenthümer mit allen hoheitsrechten und
gewalten Demetr. 1, 567; im Sinne des Trägers einer
Herrschermacht: mit sämmtlichen potentaten, gröszern
und geringern wöchten und gewalten, bis auf den adel
herunter Goethe DuW. 10; ltalien wie Deutschland
waren mit unabhüngigen gewalten ersullt Ranke Päpste
1, 30; von allen gewalten, kaiser, fürsten und churfürsten
zugleiob 35; (Geisterleiter) an der die bimmlischen
gewalten wirkend auf und nieder wandeln
Schiller Pice. 2, 6. 2) verallgemeinert zu der Bed.
der unbeschränlten Macht und Befugnis überhaußt; in
reichster Anwendung: göttliche, königliche, obrigkeitliche,
richterliche, väterliche gewalt; gewalt üben.
baben, verleihen, geben, nehmen; pochet nicht so hoch!
auf ewer gewalt Pf. 75, 6; erlösen aus der hellen ge
walt Pf. 49, 16; mir ist gegeben alle (andere Lesart
1162
aller) gewult im himel und auf erden Matth. 28, 15;
gewalt zu tödten Sir. 9, 18; uber einen oder etwas:
gab inen gewalt und macht uber alle teufel Luc. 9, 1;
(der) dir uber alles gewalt verlihen hat Dan. 2, 38;
über die hab ich keine gewalt Goethe Faust 1; dafür
mit dem Gen. des Obi.: diu min iemer hät gewalt
Walther 109, 5; der des todes gewalt hatte Hebr.
2, 14; onter eines gewalt geraten, kommen, stchen;
deine magd ist unter deiner gewalt 1. Mos. 16, 6; einer,
ctwas steht in eincs andern gewalt; dein rat stehet
nicht in menschen gewalt Tob. 3, 21; ich will in deiner
gewalt sein B. d. Liebe 187b; aus weleher gewalt oder
in welchem namen habt jr das gethan? Ap. Gesch. 4, 7,
u. a.; sprichwörtlich: gewalt gebt vor reoht (rührend an
unten 4); sie wachen die gewalt zum rechte Günther
203; gewalt bheit allercit recht Henisch; nur die
gewalt behiclt ihr altes recht Grillparzer 2, 22.
3) gewalt, als vollbringende, treibende, hemmende Kraft:
g. in den hünden, armen haben, vollsmäßig, sie krästig
brauchen:; die gewalt seiner bitten, anstrengungen; von
der gewalt der empfindung hingerissen Wieland Ag.
5, 6; seiner augen gewalt Goethe Faust l; ich hörc
staunend die gewalt des mundes Schiller M. Stuart
1, 7; das binder teil (des Schiffes) zubrach, von der
gewalt der wellen Ap. Gesch. 27, 41; von der gewalt
des sturmes in den abgrund geschleudert; besonders in
festen Verbindungen: mit aller gewalt, mit ganzer gewalt
Henisch; aus aller gewalt rufen, was die Kräste
vermögen; ein verborgenes geschwür .. das sic mit aller
gewalt (durchaus) aufgestochen wissen wollen Lessing
112. Litt. Brief; welch tiefes summen .. Zieht mit gewalt
das glas von meinem munde? Goethe Faust 1;
der In rint . . uber fels und stain mit solchem gewalt
. Aventin 1, 39; ins römisch reich mit groszem
gwalt ist gflogen dieser rauch Opel-Cohn 142;
der weizen wächset mit gewalt PGerhard 240; rührend
an die Bed. 2: die glieder, din körper in seiner
Gewalthaber — Gewaltthat.
gewalt haben, zu leiten und zügeln Kraft haben; ich
hatte mich nicht mehr in meiner gewalt; zunge, mund
in der gewalt haben; vgl. mhd. swer sincs mundes hät
gewalt, der mac mit Eren werden alt Freidank 52, 16;
der Bed. 14 näher: sich gewalt anthun, zügelnd; ich
muszte mir die gröszte gewalt anthun, um meine
eempfindlichkeit nicht ausbrechen zu lassen Adelung;
jedoch that er sich die äuszerste gewalt an Wieland
Sylv. 2, 3. 4) gewalt, ausgehend von der Bed. der
Hecres = oder Kriegskraft: da zoh man bie mit gewalt
ausz, gereisig ond fuszvolk D. Städtechr. 2, 217; wann
mau ein lond und statt mit gewalt gewinnet Garg.
13, 27, gewendet zu der Bewährung der gewaltsamen
Macht und Kraft (im Gegensatz zum recht), Gewalttbätigkeit:
si wil gewalt an mir begän Toggenburs
3, 29; ob ich jemand hab gewalt oder unrecht gethan
1. Sam. 12, 3; wer dem geringen gewalt thut Spr.
Sal. 11, 31; der recht schaflrt denen, so gewalt leiden
Pf. 146, 7; gewalt geschicht manchem armem knecht
Henisch; bist du nicht willig, so brauch ich gewalt
Goethe Erlkönig; dasz ich dus mit gewalt ertrotze.
wozu mir dic liebenswürdigkeit abgeht Schiller Näub.
1, 1; das ist schreicnde gewalt! Tell 3, 3; einer gewalt,
anthun, sie notzüchtigen. 5) gewalt, Menge, Uberfluß:
mhd. an blumen .. gewalt Herbort 9313, uhd. auf
mundartlichen Gebrauch eingeschränkt: eine gewalt leute,
geld Adelung als niedrig“; bairisch: gwald, ganzer
gwald, große Menge, gwald leut, bucher u. a. Schmeller.
6) gewalt gottes, der Schlagfluß ebd.; Lucium den ainen
kaiser traf der gewalt gottes Aventin 1, 876. — Zusammensetzungen:
Gewalthaber, m. Inhaber einer Gewalt,
Machthaber. — Gewaltherrscher, m. Despot. —
Gewaltmaßreget, k. Maßregel der Gewaltthätigleit, rechtlose.
— Gewaltschritt, m. gewaltthätiger Schritt. —
Gewaltstreich, m. solcher Streich. — Gewaltthat, k. That