Metadata : Bismarck. Sein Leben und sein Werk.

190  9.  Verfassungszwist  und  Heereserneuerung;  der  Fürstentag

nach  einigem  Hin=  und  Herreden  auf  die  Frage,  ob  er  bereit
sei,  als  Minister  für  die  Militärorganisation  auch  gegen  die
Majorität  des  Landtages  einzutreten,  mit  ja  antwortete,  erklärte
  der  König:  „Dann  ist  es  meine  Pflicht,  mit  Ihnen  die
Weiterführung  des  Kampfes  zu  versuchen,  und  ich  abdizire
nicht.“

Der  König  forderte  Bismarck  auf,  ihn  in  den  Park  zu  begleiten.
  Auf  diesem  Spaziergange  gab  er  ihm  ein  acht  Folioseiten
  füllendes  Schriftstück,  das  alle  Fragen  der  damaligen
Regierungspolitik  umfaßte;  dadurch  wollte  er  Bismarck  an  bestimmte
  Ziele  binden.  Dieser  ging  auf  Einzelheiten  nicht  ein,
er  erklärte,  daß  es  sich  für  ihn  nicht  um  konservativ  oder
liberal  in  irgend  einer  Schattierung  handle,  sondern  um  königliches
  Regiment  oder  Parlamentsherrschaft;  auch  vor  einer
Periode  der  Diktatur  schrecke  er  nicht  zurück.  Er  sagte:  „In
dieser  Lage  werde  ich,  selbst  wenn  Eure  Majestät  mir  Dinge
befehlen  sollten,  die  ich  nicht  für  richtig  hielte,  Ihnen  zwar
diese  meine  Meinung  offen  entwickeln,  aber  wenn  Sie  auf
der  Ihrigen  schließlich  beharren,  lieber  mit  dem  Könige  untergehen,
  als  Eure  Majestät  im  Kampfe  mit  der  Majorität  im
Stiche  lassen.“  Bismarcks  Entschluß  war  also  fest,  getrieben
war  er  dazu,  weil  er  die  Negation  und  die  Phrase  der  damaligen
  Opposition  für  politisch  verderblich  hielt  im  Angesicht
der  nationalen  Aufgaben  Preußens,  die  positives  Schaffen  verlangten.
  Dann  aber  hegte  er  so  starke  Gefühle  der  Hingebung
und  Anhänglichkeit  zu  seinem  König,  daß  der  Gedanke,  in  Gemeinschaft
  mit  ihm  zugrunde  zu  gehen,  ihm  als  ein  sympathischer
  Abschluß  des  Lebens  erschien.  —  Der  König  zerriß,  als
er  Bismarcks  festen  Entschluß  erkannte,  sein  Programm,  um
es  dem  Feuer  zu  übergeben.  Eine  neue  Epoche  nimmt  von  dieser
Stunde  ihren  Ausgang.  Bismarck  wurde  zum  Ministerprästdenten
  und  zum  Minister  des  Auswärtigen  ernannt.  Er  stellte
sich  seinem  König  wie  ein  Lehensmann  zu  Diensten  mit  Leib
und  Seele,  willensgewaltig,  jenseits  irgendeines  Parteiprogramms.
  Beim  Könige  aber  beginnt  die  große  Treue,  die  Bismarcks
  in  gefahrvoller  Stunde  bewiesener  Mut  verdiente.