Contents : Der Weltbrand. Deutschlands Tragödie 1914-1918. Erster Band. (1)

In  dieser  Sorge  hielt  Bülow  selne  sich  in  hartnäcklgem  Kingen  vorkämpfenden
  zwel  rechten  Flügelkorps  an  und  befahl  ihnen,  auf  Montmirail  zurückzugehen
  und  dort  elne  neue  Flankenslcherung  zu  dllden.  Dadurch  degann  seln
Vorstoß  auf  die  Linle  Sezonne-Fere-Champenolse  die  Kraft  zu  verlleren.  Und
dabel  war  doch  hier  alles  bewunderungswürdig  lm  Gang!  Das  10.  Korps
hatte  in  züähem  Vorwärtedringen  den  Kleinen  Morin  überschritten.  Das  Gardetorps
  vollends  hatte  einen  der  höchsten  Ehrentage  selner  ruhmumstrahlten
EGeschichte.  Es  hatte  sich  in  fürchterlichstem  feindllchen  Feuer  durch  dle  von  den
Franzosen  für  unüberschreitbar  gehaltenen  Sümpfe  von  St.  Gond  blndurchgearbeltet
  —  hatte  im  Verein  mit  den  zu  selner  Linken  fechtenden  delden  sächflschen
  Korps  die  französische  9.  Armee  aue  lhrer  defestigten  Steilung  bie  auf  den
Maurienne-Bach  zurückgedrängt.  Ja,  selbst  dieser  Adschnitt  dot  dem  deutschen
Vorstoß  keinen  Halt  mehr.  Dle  Lücke  zwischen  der  9.  und  4.  französischen  Armee
klaffte  immer  welter.  Hätte  jetzt  Bülow  noch  elne  Reserve  zum  Nachstoß  in  der
Hand  gebadt  —  der  Durchdruch  wäre  vollendet,  die  französlsche  Front  in  zwei
Teile  gerissen  und  der  Aufrollung  nach  Westen  wie  nach  Osten  preiegegeben
gewesen.

Aber  dlese  Reserve  feblte.  Sle  stand  um  Montmirail  gefesselt  durch
den  Zwang,  an  Stelle  der  nach  Nordwesten  verschodenen  1.  Armee  den  rechten
Flügel  der  elgenen  Kampffront  zu  decken.  Der  durch  den  Ausfall  auch  des
linken  Flügele  der  1.  Armee  freigewordene  Tell  der  5.  französischen  Armee
batte  nachgestoßen  und  den  zurückgebogenen  Teil  der  Armee  Bülow  heftig  angegriffen,
  wenn  auch  ble  jetzt  ohne  jeden  Erfolg.  Und  einmal  würden  slch  doch
auch  dle  Engländer  aue  lhrer  Erstarrung  aufraffen  und  den  Kavallerieschleier
vor  ihrer  Front  zerrelßen.  Dann  drohte  die  Uberflügelung.

So  seltsam  war  die  Lage  der  Armee  Bülow:  am  linken  Flügel,  unterstützt
durch  zwei  Korpe  der  3.  Armee,  hatte  sie  in  hartem  Ringen  eine  Lage  erkämoft,
die  zu  kühnsten  Hoffnungen  berechtlgte  —  auf  ihrem  rechten  Flügel  wurde  sie
aufgehalten  und  in  die  Verteidigung  gedrängt,  ja  im  Augenblick,  wo  Frenuch
aus  seiner  Lethargle  erwochen  würde,  soger  von  Uberflügelung  bedroht!.

Und  ulrgendwo  dle  lelseste  Spur  einer  Armeereserve  für  Notfälle  —  alle
deutschen  Korpe  in  vorderster  Linie  in  harte  Kämpfe  verstrict  .

Rur  eine  letzte  schwache  Hoffnung:  am  7.  war  ja  Maubeuge  gefallen,  und
in  elnigen  Kagen  würden  die  Belagerungstruppen  des  7.  RNeservekorpe  von
Norden  herankommen.  Und  weiterhin  war  bel  Laon  das  15.  Korps  von  der
Vogesenfront  her  im  Anrollen.  Aber  die  Hilfe  war  noch  weit  —  weit.

Dle  Führer  der  drel  am  rechten  deutschen  Flügel  kämpfenden  Armeen
1,  2  und  3  waren  völlig  ihrer  eigenen  Beurteilung  der  Lage  üderlassen.  Dle
O.  H.L.  saß  fern  in  Luxemburg!  Die  Gefährdung  der  2.  Armee  durch  dos  Entstehen
  der  Lücke  an  lhrem  rechten  Flügel  hatte  fle  allerdinge  erkannt.  Und
im  Gefühl  ihrer  völllgen  Ohnmacht  zur  Einwirkung  auf  die  Kampffront  hatte
sie  elnen  Entschluß  gefaßt,  der  wohl  ohne  Belsplel  ist  in  der  Krlegsgeschichte.
Sie  entsondte  am  8.  September  einen  verhältnlomäßlg  jungen  Offlzier,  den
Oberstleutnant  Hentsch,  im  Auto  an  die  Front.  Er  war  beauftragt,  mit  den
Oberkommandlierenden  der  1.  und  2.  Armee  Rücksprache  zu  nehmen  und  ein
Zurückgehen  der  Armeen  des  rechten  Flügele  zu  verhindern.  Sollte  er  aber  zu

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