Volltext : Die parlamentarische Thätigkeit des Deutschen Reichstages und der Landtage von 1874-1876.

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langen  und  schweren  Kriegen  entstandenen  Schulden  des  Staats
anstreben  wollen.  Diesen  Zweck  können  sie  nur  durch  Ersparnisse
und  genaue  Wirthschaft  erreichen.  Das  bedeutendste  Ersparniß
aber  dürfte  von  ihnen  in  Verminderung  der  stehenden  Heere  gesucht
  werden.  Dadurch  gelangen  wir  zu  der  so  wichtigen  Frage:
Wird  durch  eine  Verminderung  der  stehenden  Heere  die  Sicherheit
  und  die  Existenz  des  Staates  nicht  gefährdet,  und  wird  es
möglich,  dasjenige,  was  man  der  Sicherheit  des  Staats  durch
Verminderung  des  stehenden  Heeres  entzieht,  auf  eine  andere
Art  zu  ersetzen?“

„Das  System  der  stehenden  Heere“,  antwortete  er  dann,
„paßt  für  gewisse  Zeiten  und  gewisse  Verhältnisse,  jedoch
nicht  für  alle  und  überall.  Man  mag  damit  auslangen,  so  lange
es  in  allen  Ländern  Sitte  bleibt,  nur  mit  stehenden  Heeren
Krieg  zu  führen,  so  lange  nicht  blos  das  Verhältniß  der  Volksmassen,
  sondern  auch  das  der  Staatseinkünfte  nicht  berücksichtigt
wird.  Es  wird  und  muß  von  selbst  fallen,  sobald  jene=  Bedingungen
  aufhören.“

„Die  stehenden  Heere  haben  in  dem  neueren  Europa  den
Glanz  der  Landwehren  gänzlich  verdunkelt.  Dadurch  sind  in
neuester  Zeit  alle  Erfahrungen,  die  uns  bei  Beurtheilung  des
Werthes  der  Landwehren  leiten  könnten,  verloren  gegangen.
Und  doch  beruht  die  zuverlässigste  Stärke  eines  Staates
auf  zweckmäßig  gebildeten  Landwehren").  Diese  Einrichtung  ist
die  kirlichte  und  deshalb  auch  die  beste.  Sie  liefert  dem
Staat  im  Verhältniß  seiner  Bevölkerung  die  größte  Anzahl
Streiter;  sie  erhält  im  Volke  das  Bewußtsein  lebendig,  daß  es
ah  V  vertheidigt,  eben  dadurch  also  auch  einen  kriegerischen

Geist,  der  nicht  leicht  ausarten  wird,  weil  diejenigen,  welche  er
belebt,  niemals  aufhören,  Bürger  zu  sein.  Ein  solcher  Geist
auf  einer  solchen  Höhe  aber  macht  ein  Volk  unüberwindlich.

an  wird  es  nicht  unterjochen,  viel  weniger  ausrotten  können.
.  In  der  neueren  Geschichte  gab  das  erste  große  Beispiel
dieser  Art  die  Republik  der  Vereinigten  Niederlande.  Ein
anderes,  noch  folgenreicheres  Muster  liefern  die  Vereinigten
Staaten  von  Nordamerika  (Radetzky  meint  hier  ihren  Befreiungskampf
  gegen  England).  Das  größte  unter  allen  aber  die
franföhische  Nevolution  und  der  spanisch-portugiesische  Krieg
von  1808—18

Radetzky  *  aus  dem  Vorgeführten  die  Lehre:

„Kriege  zwischen  Bürgersoldaten  und  regelmäßigen  Heeren
bringen  gewöhnlich  im  Anfang  nur  Niederlagen  der  Ersteren,
und  doch  finden  die  Landwehren  bei  ihrer  Ausdauer  den  sicheren

*)  Der  Ausdruck  „Landwehren“  gilt  hier  im  Sinne  von  Volkswehren,
  Bewaffnung  aller  waffenfähigen  Männer.