Full text : Gesetz-Sammlung für die Königlich Preußischen Staaten. 1824. (15)

 

73.  Der  gespenstische  Freier  auf  Hartenstein.  E—
(Gräße,  Sagenschatz  des  K.  Sachsen,  No.  5ö14.)  77,

Auf  dem  Schlosse  Hartenstein,  dem  Stammschlosse  der  Schönburge,
  fand  sich  einst  jeden  Tag  ein  Schattenritter  ein.  Man  nannte
ihn  Vollmer  den  Geisterkönig.  Er  hatte,  man  weiß  nicht  wie,  die
Liebe  der  schönen  Kunigunde  von  Schönburg,  als  sie  noch  Kind  war,
gewonnen,  und  dieselbe  hatte  erklärt,  ihn  und  keinen  anderen  wolle  sie
ehelichen.  So  ritt  er  denn  jeden  Tag  auf  unsichtbarem  Rosse  in's  Burgthor
  ein,  zog  ersteres,  ohne  daß  jemand  es  sah,  —  nur  hören  konnte  man
seinen  Tritt,  —  in  den  Stall  und  stieg  dann  selbst  unsichtbar,  und  nur  am
Schall  seines  Trittes  kenntlich,  die  Schloßtreppe  hinan.  Dort  kam
ihm  seine  Braut  entgegen,  der  reichte  er  seine  Hand,  —  das  war  der
einzige  fühlbare  Teil  seines  Körpers,  weich  und  glatt  aber  eiskalt  —
und  nun  sprachen  und  koseten  sie  zusammen  wie  zwei  Liebende  es  thun.
Dann  schritten  sie  in  den  Speisesaal,  wo  ihrer  schon  der  Bruder  des
Fräuleins  harrte,  und  alle  drei  setzten  sich  zu  Tische  und  aßen  und  tranken
nach  Herzenslust;  die  dem  Schattenritter  vorgelegten  Speisen  und  der
Wein  in  seinem  Becher  verschwanden,  und  doch  sah  niemand,  wo  es
hinkam.  Man  hörte  nur  des  Schattenbräutigams  Stimme,  und  der
Graf,  dem  früher  vor  seinem  geisterhaften  Schwager  gegraut,  faßte
immer  mehr  Neigung  zu  ihm,  denn  er  hatte  an  ihm  einen  steten  treuen
Berater  und  Warner  bei  bevorstehendem  Unglück.  Wenn  das  Mahl
vorüber  war,  verließ  der  Graf  die  beiden  Brautleute,  und  so  saßen
sie  bis  kurz  vor  ein  Uhr;  dann  nahm  der  gespenstische  Gast  eilig  Abschied,
  so  trieb  er  es  viele  Jahre;  da  äußerte  einmal  das  Fräulein,
wie  sie  sich  nach  einem  Kusse  von  seinem  Munde  sehne,  und  siehe,  ihr
geisterhafter  Bräutigam  antwortete:  „Lebe  wohl  auf  ewig;  weil  ich  an
Deine  rein  geistige  Liebe  glaubte,  verließ  ich  mein  himmlisches  Reich,
um  bei  Dir  zu  sein;  jetzt  wo  Du  an  irdische  Liebe  denkst,  ist  mein
Bleiben  nicht  mehr  hier,  Du  siehst  mich  nie  wieder!“  Damit  verschwand
  er  und  nie  hat  das  Fräulein  wieder  seine  Nähe  empfunden.

 

74.  Der  gespenstische  Mönch  bei  Grünhain.
(Christ.  Lehmann,  Histor.  Schauplatz  2c.,  S.  75.)

Fünfzig  Jahre  nach  der  Verwüstung  des  Grünhainer  Klosters
hat  sich  am  Elterleiner  Wege,  wo,  wie  die  Schlackenhaufen  ausweisen,
des  Abts  Hammer  gestanden,  ein  Gespenst  in  Mönchsgestalt  sehen
lassen,  welches  die  Vorübergehenden,  sonderlich  Trunkene  und  Jauchzende,
  übel  bezahlte,  und  einst  einen  Bergmann  von  Elterlein,  der  das

 

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