86 Einundzwanzigstes Kapitel: Der Norddeutsche Bund.
den Militärs, die nur Oestreich, nicht die übrigen Mächte Europas
vor sich sahn, und mit dem Könige über den Friedensschluß
und dann wieder über die Indemnität, hatten mich so
angegriffen, daß ich der Ruhe und Erholung bedurfte. Ich
ging zunächst am 26. September zu meinem Vetter, dem Grafen
Bismarck-Bohlen in Karlsburg, und dann am 6. October nach
Putbus, wo ich im Gasthofe schwer erkrankte 1). Der Fürst
und die Fürstin Putbus gewährten mir eine liebenswürdige
Gastfreiheit in einem Pavillon, der neben dem abgebrannten
Schlosse stehn geblieben war. Nachdem der erste heftige Anlauf
der Krankheit überstanden war, konnte ich die Geschäfte
wieder in die Hand nehmen durch Correspondenz mit Savigny.
Als der letzte preußische Gesandte am Bundestage war er der
natürliche Erbe des Decernats über die im Vordergrunde stehende
deutsche Politik. Er führte die Verhandlungen mit Sachsen zu
Ende, was vor meiner Abreise nicht gelungen war. Ihr Ergebniß
ist publici juris?), und ich kann mich einer Kritik derselben
enthalten). Die militärische Selbständigkeit Sachsens wurde
demnächst unter Vermittlung des Generals von Stosch durch
persönliche Entschließungen Sr. Majestät weiter entwickelt, als
sie nach dem Vertrage bemessen war!).
Die geschickte und ehrliche Politik der beiden letzten sächsischen
Könige 5) hat diese Concessionen gerechtfertigt, namentlich
so lange es gelingt, die bestehende preußisch-östreichische
Freundschaft zu erhalten. Es ist in den geschichtlichen und
confessionellen Traditionen, in der menschlichen Natur und
speciell in den fürstlichen Ueberlieferungen begründet, daß der
1) Vgl. dazu die Auszüge aus Briefen der Gräfin Bismarck an
v. Keudell, Rob. v. Keudell, Fürst und Fürstin Bismarck. S. 313 ff.
:) Oeffentlichen Rechts, d. h. allgemein bekannt.
2) Der Friede mit Sachsen kam erst am 21. Oct. 1866 zu Stande.
") Vgl. dazu Denkwürdigkeiten des Generals u. Admirals A. v. Stosch
(Stuttgart und Leipzig 1904), S. 120.
*) Johann und Albert.