Full text : Die Verfassungsgeschichte der Germanen und Kelten.

136  Die  gallischen  Kelten.  Kap.  XVIIL

Die  Heerversammlung  des  Stammes.

Eine  solche  lernen  wir  nur  bei  den  Treverern  kennen.

Der  Herzog  der  Treverer  berief  im  Jahr  54  eine  Heerversammlung,
  armatum  concilium,  um  den  Krieg  gegen  Rom  zu
eröffnen.  In  einer  solchen  müssen  nach  allgemeinem  Gesetz,
lege  communi,  alle  Erwachsenen,  omnes  puberes  erscheinen.  Der
zuletzt  Kommende  wird  erschlagen.  Nach  gallischer  Sitte,  more
Gallorum  ist  sie  der  Anfang  des  Krieges.  Bei  den  Treverern
stritten  damals  zwei  Fürsten  um  das  politische  Übergewicht,  den
principatus.  Es  waren  Indutiomarus,  der  romfeindliche  Herzog,
der  im  Besitz  der  Heeresmacht  war,  und  sein  Schwiegersohn
der  romfreundliche  Cingetorix.  Der  Herzog  liess  diesen  durch  die
Versammlung  für  einen  Feind  des  Staats  erklären  und  seine  Güter
einziehen,  hostem  judicat,  bona  ejus  publicat.  Dann  legte  er  seinen
Kriegsplan  dar,  dessen  Billigung  wohl  der  Versammlung  zustand,
und  erliess  die  zur  Ausführung  erforderlichen  Befehle,  V  56.

Den  Inbegriff  der  Erwachsenen  nennt  Caesar  an  andern
Stellen  die  multitudo,  so  das  Heer  des  Vercingetorix  bei  Avarikum,
multitudinis  studio,  omnis  multitudo,  VII  20,  21,  so  die  allgemeine
  Versammlung  in  Bibrakte,  multitudinis  suffragiis,  VIL  63.
Nach  dem  Sprachgebrauch  Caesars  ist  also  multitudo  das  gesamte
Heer,  Reiterei  und  Fussvolk,  Adel  und  Plebs  (nur  bei  Hirtius
wird  im  Heere  der  Bellovaker  unter  multitudo  die  Plebs  verstanden,
  VIII  21,  22).

Was  bei  Caesar  multitudo,  ist  bei  Strabo  nA7906;  das  nA79og
wählt  nach  ihm  den  orearnyög;  das  gesamte  Heer,  die  multitudo,
wie  Müller  und  Dübner,  die  Herausgeber  des  Strabo  übersetzen,
wählt  den  Stammherzog,  IV  4,  3.

Aber  Bloch  8.  72  übersetzt  mit  „plebs“  und  erklärt  dann
die  so  aufgefasste  Nachricht  des  Strabo  als  aller  Wahrscheinlichkeit
  entbehrend  und  sieht  in  der  Wahl  nicht  eine  regelmässige
Einrichtung,  sondern  einen  revolutionären  Akt,  eine  Ansicht,  die
sich  somit  erledigt.