Full text : Die wichtigsten deutschen Seehandelsstädte.

458  R.  Reinhard,  [32

heranreichen.  Es  machten  sich  vielmehr  in  allen  deutschen  Strommündungen
  bedeutende  Vertiefungsarbeiten  nötig,  die  meist  nicht  nur
auf  Betreiben,  sondern  auch  auf  Kosten  der  betreffenden  Seestädte
ausgeführt  wurden.  Die  Verringerung  des  Gefälles  und  die  durch  das
Zusammentreffen  des  Flußwassers  mit  dem  Meerwasser  bewirkte  Aufhebung
  der  Transportfähigkeit  veranlaßten  die  Ströme  zur  Bildung  von
Deltas,  Haffe  und  Strandseen.  Ein  eigentliches  Delta  haben  Memel
und  Weichsel,  Vordeltas  die  Elbe  bei  Hamburg  und  die  Oder  bei
Stettin,  auch  die  Weser  hatte  früher  ein  solches  ın  der  Nähe  Bremens.
Haffe  bildeten  sich  in  der  fast  gezeitenlosen  Ostsee.  In  solche  enden
Oder,  Weichsel,  Pregel  und  Memel.  Diese  Bildungen  sind  natürlich
der  Schiffahrt  ungünstig,  sofern  sie  eine  bedeutende  Verringerung  der
Wassertiefe  veranlassen.  Deshalb  mußten  die  an  ihnen  liegenden  Städte
sie  entweder  beseitigen  oder  doch  wenigstens  für  ihre  Zwecke  umbilden.

In  der  That  können  wir  feststellen,  daß  die  Mündungen  aller
hier  in  Betracht  kommenden  Ströme  ım  Laufe  der  Jalırhunderte  starke
künstliche  Veränderungen  erfahren  haben,  die  hauptsächlich  der
Besserung  des  Fahrwassers  dienten.  Die  Weser  fließt  jetzt  als  geschlossener
  Stromschlauch  an  Bremen  vorüber,  aber  zahlreiche,  am
oberen  Ende  kupierte  Wasserläufe,  die  jetzt  als  Sicherheits-  oder
Holzhäfen  oder  auch  als  Schiffahrtskanäle  dienen,  sind  die  Ueberreste
einstiger  Seitenarme  der  Weser.  Buchenau  berichtet  von  sieben  bestimmt
  festgelegten  und  einigen  nicht  mehr  genau  bestimmbaren  alten
Armen  auf  der  rechten  Seite  und  vier  solchen  auf  der  linken  Seite,
die  die  Weser  teils  oberhalb  der  Stadt,  teils  in  dieser,  teils  gleich
unterhalb  derselben  verließen  und  sich  nach  kurzem  Lauf  entweder
wieder  mit  dem  Hauptstrom  vereinigten  oder  sich  in  der  Niederung
verliefen  (sogen.  Torfkanäle  bildend)  oder  endlich  die  unterhalb  Bremens
in  die  Weser  mündende  Wümme  verstärkten  !).  Alle  diese  Arme  wurden
im  Laufe  der  Jahrhunderte  durch  Kupierung  oder  Ausfüllung  teilweise
oder  ganz  beseitigt.  Aber  heute  noch  bildet  die  als  Holzhafen  für
Bremen  wichtige  „kleine  Weser“  einen  toten  Arm,  der  bei  einem
Wasserstand  von  über  3  m  noch  Strom  erhält;  und  in  den  am  rechten
Weserufer  liegenden  Stadtteilen  finden  wir  in  den  Straßenzügen  der
Balge  und  des  Dobben  alte  Wasserläufe  wieder  ?)

Bedeutend  größer  ist  der  Unterschied  von  früher  und  jetzt  in  der
Wasserführung  der  Elbe  in  der  Nähe  Hamburgs.  Begeben  wir  uns
auf  eine  der  Geesthöhen  am  rechten  Elbufer  unterhalb  Hamburgs,  so
sehen  wir,  wie  auch  jetzt  noch  die  Elbe  ihre  Fluten  in  mehreren
Armen  an  der  Stadt  vorüberführt.  Vergleichen  wir  aber  mit  dieser
Ansicht  eine  ältere  Karte  der:  Umgebung  Hamburgs,  so  bemerken
wir,  daß  die  Zahl  dieser  Flußläufe  jetzt  bedeutend  kleiner  ist  als  vordem.
  Dieser  Unterschied  muß  uns  noch  größer  erscheinen,  wenn  wir
bedenken,  daß  der  tiefste  Stromarm  ehemals  keineswegs,  wie  jetzt,  der
der  Stadt  nächste,  sondern  der  von  ihr  entfernteste,  die  Süderelbe,  war?).

'!)  Buchenau,  Bremen  S.  33—37.
*)  Ehenda,  S.  34  u.  86.
°)  Hindrichson,  Zur  Lage  des  ältesten  Hamburg.