Full text : Archiv für öffentliches Recht.Sechster Band. (6)

—  210  —

und  die  Ereignisse,  welche  zum  Erwerbe  der  Schutzgebiete  für
das  deutsche  Reich  führten  ?®),  für  die  Richtigkeit  der  in  Streit
befindlichen  These.

Die  Behauptung,  dass  private  Personen  in  okkupationsfähigen
Gebieten  stets  nur  dem  Privatrechte  zuzuweisende  Rechtsbefugnisse
erwerben  können,  widerspricht  den  Thatsachen.  Wenn  Private
zur  Verwirklichung  ihrer  Kolonisationsbestrebungen  in  überseeischen
Ländern  festen  Fuss  fassen,  so  begnügen  sie  sich  vielfach  nicht
mit  dem  Erwerbe  des  zur  Niederlassung  und  wirthschaftlichen
Ausbeutung  erforderlichen  Bodens.  Die  Verträge  über  die  Grundabtretungen,
  welche  sie  in  bewohnten  Landstrecken  mit  den  Machthabern
  der  eingeborenen  Stämme  abzuschliessen  pflegen,  enthalten
meist  Stipulationen  über  den  gleichzeitigen  Erwerb  staatlicher
Hoheitsrechte.  Unbestreitbar  haben  deutsche  Reichsangehörige
im  Wege  solcher  Verträge  öffentlich-rechtliche  Herrschaftsgewalt
ursprünglich  in  eigenem  Namen  über  weite  Landstrecken  Afrikas
gewonnen.

Der  thatsächlichen  Uebung  zufolge  könnte  der  Rechtsgrund
für  den  Erwerb  der  Hoheitsrechte  seitens  Privater  in  den  Verträgen
  mit  den  Stammhäuptlingen  gesucht  werden.  Die  Frage,
ob  die  durch  Verträge  vermittelte  Gebietshoheit  als  eine  derivativ
begründete  zu  erachten  ist  oder  nicht,  bleibt  hier  ausser  Betracht.
Denn,  selbst  wenn  man  der  Verträge  halber  einen  derivativen
Gebietshoheitserwerb  annehmen  müsste,  sind  jedenfalls  Privatpersonen
  als  Subjekte  dieses  Erwerbes  anerkannt,  und  ist  es  nicht
abzusehen,  warum  dieselben  sich  auf  den  Rechtsgrund  des  Vertrages
  eingeschränkt  sehen  und  nicht  auch  zur  Okkupation  berechtigt
  sein  sollten,  sobald  sie  nur  einmal  zum  völkerrechtlichen

28)  Ueber  die  Verträge,  wodurch  deutsche  Reichsangehörige  Hoheitsrechte
  in  Afrika  erwarben,  ist  zu  vergleichen  die  Denkschrift  über  die
deutschen  Schutzgebiete  vom  2.  Dez.  1885,  abgedruckt  in  HırRTH  u.  SEYDEL,
Annal.  1886  S.  483;  s.  ferner  Meyer  S.  5ff.  und  v.  STENGEL,  in  den  Annal.
1887  S.  805  ff.