ländern dieses innerliche Getriebe unseres staatlichen Lebens für
eine gerechte Beurteilung deutscher Dinge durchsichtig zu machen,
stößt, sogar bei den Klügsten, auf kaum überwindliche Hindernisse.
Ich habe das selbst oft genug in langen Gesprächen mit gescheuten
und wißbegierigen Vertretern ausländischer Blätter erfahren
müssen. Sie sahen ein mittelalterlich anmutendes Gemäuer mit
Pfeilern, Strebebogen, Widerlagern, Wasserspeiern und anderen
Zieraten und wußten sich darin nicht zurechtzufinden.
In die erste Hälfte der Bülowzeit fiel das Aufkommen des
Revisionismus in der Sozialdemokratie. Ging der neue
Geist auch nicht von den Gewerkschaften aus, sondern von einer
Anzahl denkender Köpfe unter den Literaten und „Akademikern“
der Partei, so trugen doch die Erfolge, die die Gewerkschaften im
Lohnkampf für ihre Mitglieder erzielten, viel dazu bei, daß auch
die politische Agitation nicht mehr ausschließlich von dem Gedanken
des baldigen gewaltsamen Umsturzes dieses Staates und dieser Gesellschaft
beherrscht wurde. Im Arbeitervolk selbst fing man au,
von der Millionenpartei nicht mehr bloß Klassenkampf für den
Zukunftsstaat, sondern auch positive Leistungen für die Gegenwart
zu verlangen 7). Schon zur Zeit seiner Ernennung hatte Graf
Bülow zu mir gesagt, er werde niemals ein Ausnahmegesetz gegenzeichnen.
In einem Briefe aus Kleinflottbek vom September
1903 schrieb er mir: „Die Frage, ob, wie und warum gegen die
Sozialdemokratie vorgegangen werden soll, beherrscht die Situation
hinter den Kulissen noch mehr als in der Offentlichkeit. Hinter
„Hamburger Nachrichten“, „Post“ usw. stehen mächtige Kreise.
Wenn ich gegen ein inopportunes Vorgehen in der fraglichen
Richtung bin, so ist dies wahrlich nicht Mangel an Mut. Es ist
auch nicht, weil ich ein solches Vorgehen für aussichtslos oder auch
nur für besonders schwierig halte, sondern es ist, weil ich glaube,
daß der deutsche Volkskörper stark und gesund genug ist, um das
sozialdemokratische Gift, soweit es Gift ist, mit der Zeit selbst auszuscheiden.
Es ist, weil ich meine, daß eine solche Kur dem für
mich allein maßgebenden Interesse des deutschen Volkes besser
eutspricht als unzeitgemäße und jedenfalls verfrühte Operationen.“
*) Vgl. Paul Lensch, Die Sozialdemokratie, ihr Ende und ihr Glück,
S. 3l ff.
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