Eindruck gemacht hat. Die Predigt war bei ihm von der Dogmatik
befreit, die Person Christi wurde in den Mittelpunkt gestellt und das
„praktische Christentum“ in den Vordergrund gerückt. Ich zog ihn
später nach Berlin und bald an den Dom und mein Schloß. So
hat Dryander mich, mir geistig nahestehend, mit geistlichem Zuspruch
jahraus, jahrein treu begleitet bis über den 9. November hinaus.
Die kirchlichen Angelegenheiten sind häufig zwischen uns beiden besprochen,
die Aufgaben und die Zukunft der protestantischen Kirche
eingehend behandelt worden. Die milde, doch kraftvolle, klare und
von echt evangelischer Stärke getragene Auffassung Dryanders machte
ihn zu einer Säule und Zierde seiner Kirche und zu einem treuen,
mit seinem Kaiser innig verbundenen Mitarbeiter an ihr und ihrer
Fortentwicklung. Seit dem 9. November ist auch Exzellenz Dryander
Verfolgungen ausgesetzt gewesen; er hat ruhig standgehalten. Seines
Königs Hoffen, Glauben und Vertrauen geht mit ihm und der
evangelischen Kirche. Die Kirche muß das niedergebrochene Volk
innerlich wieder aufrichten mit dem Glaubenssatz: Ein' feste Burg
ist unser Gott!
Nicht unerwähnt lassen möchte ich den Einfluß der auf meine
Veranlassung übersetzten Schrift des englischen Missionars Bernard
Lucas „Conversations with Christ“ sowie die Jesuspredigten von
Pastor Schneller (Jerusalem) und die Andachtsammlungen „Der alte
Gott lebt noch“ und „Aus tiefer Not“ des Oberkonsistorialrats Conrad.
Diese Schriften haben der Kaiserin und mir durch lhre lebendige Art,
den Hörer und Leser zu packen und zu fesseln, manche Anregung
und Trost gegeben.
Daß ich die religiösen und kirchlichen Fragen mit voller Objektivität
sine ira et studio behandeln konnte, verdanke ich meinem
vortrefflichen Erzieher Professor Dr. Hinzpeter, einem westfälischen
Calvinisten. Er hat seinen Zögling mit der Bibel aufwachsen und
leben lassen unter Beiseitestellung aller dogmatisch-polemischen Fragen,
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