Full text : Quellensammlung zur Entwicklungsgeschichte des modernen Staates. Zweiter Band. (2)

30  I.  Don  der  Restauration  zur  Revolution.

vermag  keine  menschliche  Klugheit  zur  Nachgiebigkeit  zu
überreden,  solange  man  ihm,  statt  mit  Sugeständnissen,  mit
verletzendem  Trotze  und  hochmut,  mit  der  Lehre  vom  göttlichen
  Rechte  und  von  der  Pflicht  des  unbedingten  Gehorsams
  entgegenkommt.

Ich  will  nicht  bestreiten,  daß  Dreußens  Militärmacht  das
Einzige  ist,  was  dem  deutschen  Namen  im  ZKuslande  noch
einiges  Knsehen  erhält  und  die  Schmach  absoluter  UNichtigkeit
  von  uns  abgewendet  hat.  Ohne  die  Furcht  vor  Dreußen
würde  vielleicht  heute  schon  ein  Teil  von  Deutschland  wieder
unter  französischer  Oberherrschaft  stehen,  und  es  mag  sein,
daß  Dreußen  mit  einer  ständischen  Derfassung  jene  außerordentlichen
  Kraftanstrengungen  nicht  hätte  machen  hönnen,
wodurch  es  ihm  gelungen  ist,  sich  in  die  Reihe  der  Mächte
ersten  Ranges  zu  stellen  und  in  dieser  Stellung  Frankreich
in  Schach  zu  halten.  UNoch  gewisser  ist  es  aber,  daß
PDreußen  durch  das  Undeutsche  und  Illiberale  der  Gesinnung
jeden  Knspruch  auf  die  Dankbbarkeit  der  Nation  verscherzt
hat  und  daß  es  bei  den  veränderten  Seitverhältnissen  jetzt
einen  anderen  Weg  einschlagen  und  darauf  bedacht  sein
müßte,  sein  Ubergewicht  durch  natürlichere  auf  das  moralische
Bedürfnis  der  Dölker  berechnete  Mittel  zu  befestigen,  wenn
es  auf  seiner  höhe  sich  erhalten  und  nicht  Gefahr  laufen
will,  wie  der  Frosch,  der  sich  zur  Größe  des  Stiers  aufblasen
  wollte,  zu  zerplatzen  und  als  ein  gehaßter  Emporkömmling
  unter  hohngelächter  und  Derwünschungen  in
die  Reihe  der  abhängigen  Mächte  zweiten  Ranges  zurüchzusinken.


Ich  verkenne  nicht,  daß  Preußen  an  sich  der  geeignetste
Staat  wäre,  um  an  die  Spitze  der  deutschen  Angelegenheiten
sich  zu  stellen  und  dem  deutschen  Namen  wieder  Ehre  zu
verschaffen.  Dreußen  und  Deutschland  bedürfen  einander
allerdings  wechselseitig,  dieses  um  eine  Geltung  als  Nation
zu  erlangen,  jenes  um  nicht  der  Dasall  Rußlands  zu  werden,
während  die  große  österreichische  Monarchie  durch  eine  Der-