Full text : Politische Geschichte der Gegenwart. V Das Jahr 1871. (5)

Der  dreitägige  Kampf  bei  Hericourt.  23

erzwingen.  Beide  Versuche  scheiterten  an  der  Wachsamkeit  und
Tapferkeit  der  deutschen  Truppen.  Chenebier  mußte  aber  von  denselben
  um  jeden  Preis  genommen  und  ein  Vorrücken  des  Feindes
über  Frahier  hinaus  verhindert  werden.  General  Werder  befahl  daher
dem  badischen  General  Keller,  welcher  in  der  Reserve  stand,  am
17.  den  Feind  aus  Chenebier  zu  verdrängen.  Dieser  drang  in  der
Früh  des  17.  zwischen  4  und  5  Uhr  stürmend  in  Chenebier  ein,
konnte  aber  den  westlichen  Theil  des  Dorfes  nicht  nehmen,  mußte,
da  der  Feind  Verstärkungen  herbeiführte,  das  Dorf  wieder  aufgeben
und  stellte  sich,  400  Gefangene  und  viele  erbeutete  Wagen  mit  sich
führend,  dem  Dorfe  unmittelbar  gegenüber  auf.  Auf  den  übrigen
Punkten  wurden  an  diesem  Tage  die  Angriffe  der  Franzosen  fortgesetzt,
  hatten  aber  so  wenig  als  an  den  zwei  ersten  Tagen  einen
Erfolg.  Man  merkte  den  letzten  Angriffen  die  völlige  Erschöpfung
der  französischen  Soldaten  an.  Schon  am  Abend  und  noch  mehr
in  der  Nacht  wurde  der  Rückzug  des  Feindes  konstatirt.  Zur  Deckung
desselben  ließ  er  auf  den  Höhen  des  rechten  Ufers  der  Lisaine  starke
Truppenabtheilungen  bis  zum  Abend  des  18.  zurück.  General  Keller
besetzte  Mittags  Chenebier  und  beschoß  den  abziehenden  Feind;  General
  Debschütz,  dessen  Detachement  zwischen  Montbeliard  und  Delle
stand,  gieng  noch  am  18.  offensiv  vor  und  warf  den  Feind  unter
beständigen  Gefechten  auf  Blamont  zurück.  Auf  den  übrigen  Punkten
der  deutschen  Defensivstellung  fand  am  18.  noch  keine  Verfolgung
des  Feindes  statt.  Man  mußte  den  Truppen  wenigstens  einen  Tag
Ruhe  gönnen,  behielt  aber  Fühlung  mit  dem  Feinde.  Schon  am
19.  gieng  General  Werder  zur  Offensive  über  und  heftete  sich  an
die  Fersen  des  abziehenden  Feindes.  Dieser  suchte  die  am  Doubs
hinlaufende  Hauptstraße  zu  erreichen,  auf  derselben  nach  Besancon
und  von  da  in  der  Richtung  nach  Lyon  zu  entkommen.  Er  mußte
sich  beeilen,  wenn  er  sein  Vorhaben  durchführen  wollte;  denn  die
Nähe  des  Generals  Manteuffel  machte  sich,  wie  General  Moltke
verheißen  hatte,  mit  jedem  Tage  fühlbarer.  Sie  war  auch  Schuld,
daß  General  Bourbaki,  welchem  dieselbe  nicht  verborgen  bleiben
konnte,  schon  am  Abend  des  17.  seinen  Plan  aufgab  und  nur  auf
seine  Sicherung  Bedacht  nahm.  Der  Rückzug  gieng  in  großer  Unordnung
  vor  sich;  das  Werder'sche  Korps  hatte  am  20.  und  21.
noch  einige  leichte  Arrièregardengefechte.  Doch  wurden  an  diesen
zwei  Tagen  noch  gegen  2000  Gefangene  gemacht.