Metadata : Geschichte der Hohenzollern.

Eine  zum  Theil  mehr  gegründete  Anschuldigung  trifft  des  Koͤnigs  Verhalten
  in  geistlichen  Angelegenheiten  und  besonders  in  seinen  eigenen  religiösen
Ueberzeugungen.  Friedrich,  dem,  wie  wir  wissen,  das  Christenthum  unter  sehr
ungenießbarer  Forin  und  mit  widerlichen  Zwangsmitteln  beigebracht  worden
war,  hatte  bei  dem  selbstständigen  Streben  seines  Geistes  ganz  begreiflicher
Weise  einen  heftigen  Widerwillen  gegen  die  so  unverständig  aufgedrungene  Lehre
und  war  zu  aufrichtig,  um  diese  Ansichten  zu  verhehlen.  Dazu  kam  das  Studium
  der  Philosophie  jener  Zeit,  welche  allem  Positiven  abhold,  im  Kampfe
gegen  die  Vorurtheile  auch  jeden  Glaubensinhalt  zu  vernichten  trachtete.  Die
in  vieler  Beziehung  wohl  begründete  Verehrung  Friedrich's  für  Voltaire  trug
zur  Befestigung  dieser  geistigen  Richtung  bei;  nichtsdestoweniger  wich  der  religisse
  Sinn  niemals  in  dem  Grade  von  ihm,  wie  von  dem  sarkastischen  Verfolger
  christlicher  Gläubigkeit.  Noch  in  der  Zeit,  wo  Friedrich  am  meisten  für
diesen  glühte,  im  Jahre  1737,  schrieb  er  von  Rheinsberg  an  ihn:  „Wir  suchen
umsonst  das,  was  unser  Fassungsvermögen  übersteigt,  zu  begreifen,  und  in
dieser  Welt  von  Unwissenheit  gilt  die  wahrscheinlichste  Vermuthung  für  das
beste  System.  Das  meinige  besteht  darin,  daß  ich  das  höchste  Wesen  anbete,
welches  allein  gut,  allein  barmherzig  und  deshalb  allein  meiner  Verehrung
würdig  ist;  daß  ich  die  Lage  der  unglücklichen  Menschen,  die  mir  bekannt  sind,
mildere  und  erleichtere,  alles  Uebrige  aber  dem  Willen  des  Schöpfers  unterwerfe,
  der  über  mich  verhängen  wird,  was  ihm  gut  scheint,  und  von  dem  ich,
geschehe,  was  da  wolle,  nichts  zu  fürchten  habe.“  Und  mehrere  Monate  später
an  denselben:  „Ihre  metaphysische  Abhandlung  über  die  Freiheit  habe  ich  erhalten.
  Es  thut  mir  leid,  Ihnen  sagen  zu  müssen,  daß  ich  nicht  ganz  Ihrer
Meinung  bin.  Ich  gründe  mein  System  darauf,  daß  man  nicht  aus  freien
Stücken  auf  Kenntnisse  Verzicht  thun  muß,  die  sich  durch  das  Philosophiren
erwerben  lassen.  Dies  vorausgesetzt,  gebe  ich  mir  Mühe,  Gott  in  so  weit  kennen
  zu  lernen,  als  ich  kann,  und  hierin  ist  mir  die  Analogie  sehr  behülflich.
Ich  sehe  erstlich,  raß  der  Schöpfer  weise  und  mächtig  sein  muß.  Vermoͤge  seiner
  Weisheit  hat  er  in  seinem  unendlichen  Verstande  den  Plan  der  Welt  gedacht
und  vermäöge  seiner  Allmacht  ihn  ausgeführt.  Wenn  also  Gott  die  Umstände
nach  seinem  Willen  lenkt,  so  lenkt  und  regiert  er  auch  die  Menschen,  und  dieses
Princip  ist  die  Basis  und  gleichsam  die  Grundlage  der  göttlichen  Vorsehung,
das  mir  den  edelsten,  höchsten  und  erhabensten  Begriff  beibringt,  den  ein  so
beschränktes  Geschöpf,  wie  der  Mensch,  von  einem  so  unermeßlichen  Wesen,  wie
der  Schöpfer,  sich  machen  kann.“

Auch  verkannte  Friedrich  nicht,  wie  nothwendig  dem  Menschen  die  Religion
zur  Erwerbung  dieser  wichtigen  Erkenntniß  ist.  „Die  Religion  selbst,“  sagt  er
in  seiner  Vorrede  zum  Antimacchiavel,  „diese  reinste  Quelle  aller  unserer
  Güter,  wird  oft  durch  einen  zu  beweinenswerthen  Mißbrauch  der  Ursprung
und  der  Anlaß  unserer  Uebel.“  Auch  die  Heiligkeit  der  positiven  Religion,  vor
Allem  des  Christenthums,  war  ihm  nicht  fremd.  Dies  bezeugte  er  sowohl  durch