24 Einleitung.
die Kenntnis ihres Wesens und die Beurteilung ihres Wertes
besonders in Betracht kommen.
Die Erfahrung lehrt, daß jedes Volk aus seiner Ver—
gangenheit mit Vorliebe die Zeiten und die Ereignisse bekrachtet,
die ihm Glück und Nuhm gebracht. Von den trüben
Partien seiner Geschichte wird es weniger angezogen. Nur in
der Sorge vor drohender Heimsuchung oder auch erst nach neuen
Schicksaloschlägen wendet es sich den Zeiten früheren Unglücks
zu, um aus der Erkenntnis von dessen Ursachen Sicherung für
die Zukunft zu gewinnen. Erlebt doch in verkleinertem Maß—
stabe jeder einzelne Mensch ähnliches. Auch ist es eine glückliche
Mitgift, daß in der Erinnerung die trüben Zeiten, so schwer
mir unter ihnen gelitten haben mögen, uns nicht bloß kürzer,
sondern auch weniger trübe erscheinen, die Tage des Glücks
aber noch lichter und glänzender, als sie in Wahrheit gewesen.
Aber während der Einzelne sich seine Vergangenheit ruhig von
einer beglückend trügerischen Erinnerung verklären lassen mag,
wird ein großes Volk dieser Neigung nicht ungestraft nachgeben.
Werden unter ihrem Einfluß doch nicht bloß einzelne historische
Momente gefärbt oder umgedichtet, sondern große, über die
Lebenosphäre des einen Volkes hinaus wichtige Ereignisreihen
zuweilen geradezu wahrheitswidrig umgestaltet. Was hat Frankreich
in dieser Art an der Geschichte der Revolution und des
Kaiserreicheo erlebt! Der wissenschaftlichen Arbeit eineo Menschenalters
und der Katastrophe von 1870 hat es bedurft, um
den trügerischen Prachtbau zu zertrümmern, den auf solchem
Grunde Thiers' Lügenlust nationaler Eitelkeit zuliebe aufgeführt
hatte.
Nicht entfernt so schlimme, aber ähnliche Erscheinungen
weist die geschichtliche Ueberlieserung eines jeden Volkes auf,
und eo ist die nicht immer dankbare Aufgabe der Geschichtsforschung,
sie aufzudecken und zu beseitigen. Denn nur dann
wird die Vergangenheit Lehrerin und Erzieherin der Nachwelt
sein, wenn sie von dieser gesehen wird, wie sie wirklich war,
und nicht, wie diese sie um ihrer eigenen Interessen willen
hatte gestaltet haben mögen. Nicht von dem Standpunkte aus,
den wir im Zusammenhang des fortschreitenden historischen