Full text : Sagenbuch des Königreichs Sachsen

—  1057  —

noch  viel  Gehölz  und  Wald  war.  So  haben  sich  beide  einmal
eine  gewisse  Zeit  bestimmt,  hier  zusammenzutreffen;  die  Prinzessin
hält  ihre  Zeit  auch,  es  kommt  aber  kein  Prinz.  Da  nun  die
Stunde  verstrichen  ist,  meint  sie,  längeres  Warten  sei  vergeblich;
sollte  sich  ihr  Geliebter  aber  ja  noch  einstellen,  so  läßt  sie  ihren
am  Brunnen  ausgebreiteten  Mantel  zum  Wahrzeichen,  daß  sie  da—
gewesen,  zurück.  Aun  geschieht  es  aber,  daß  sich  der  Prinz  doch
noch  einfindet,  er  findet  den  Mantel  und  auf  diesem  einen  jungen
Löwen  liegen.  Der  Prinz  erkennt  den  Mantel  und  glaubt,  der
alte  Löwe  habe  die  Prinzessin  getötet,  ersticht  sich  deshalb  mit  seinem
Dolche.  Als  man  nun  hier  den  Ermordeten  findet,  begibt  sich  die
Prinzessin  ebenfalls  dahin,  nimmt  den  Dolch,  der  noch  in  seiner
Brust  steckt,  und  gibt  sich  damit  den  Tod,  und  davon  heißt  der
Brunnen  noch  jetzt  der  Totenborn.

1259.  Miescos  Eiche  (Sage  von  der  Burg  Siebeneichen  M.
bei  Meißen).

„Bunte  Bilder  aus  dem  Sachsenlande“,  Bd.  1,  S.  37  ff.,  nach  einer  alten
sächs.  Zeitschrift.

Im  zehnten  Jahrhundert,  als  das  Eroberungsschwert  Heinrichs
des  Finklers  Christentum  und  deutsche  Gesittung  in  die  Sorbengaue
  zu  beiden  Seiten  der  Elbe  führte  und  der  Gewaltige  das  alte,
fast  tausendjährige  Meißen  gründete,  hauste  auf  dem  Schlosse,  welches
wir  unter  dem  Aamen  „Siebeneichen“  (bei  Meißen)  kennen,  ein
reichbegütertes  sorbisches  Geschlecht.  Es  war  dem  großen  Kaiser
befreundet,  hatte  für  ihn  siegreich  gegen  die  Ungarn  und  Wenden
gefochten  und  seinen  Dank  verdient.

Kaiser  Heinrich  sprach  einst  bei  dem  Burgherrn  Wratislav,
dem  Besitzer  des  Schlosses,  ein,  und  dieser,  erfreut  über  eine  solche
Gunst,  stellte  ihm  seine  sechs  Söhne  vor  und  bat  ihn,  daß  er  auch
sie  seines  Dienstes  würdigen  möge.  Heinrich  freute  sich  der  schönen,
kräftigen  Jünglinge  und  fragte  den  Vater,  ob  er  keinen  Sohn
weiter  habe.  Da  verstummte  dieser  und  wollte  nicht  mit  der  Ant- 



Hier  dient  die  Erzählung  Ovids  von  Pyramus  und  Thisbe  offenbar
zur  Erklärung  des  Brunnennamens.
Meiche,  Sagenbuch.  67