Volltext : Der Krieg gegen Frankreich und die Einigung Deutschlands.

doch  verriet  keine  Spur,  welche  Richtung  der  abziehende  Feind  eingeschlagen  hatte.  Jedenfalls  war  die  Räumung
von  Chälons  auffällig,  und  bald  kamen  Nachrichlen,  daß  Mac  Mahon  zu  Bazaine  hinstrebe:  ein  aufgefangener
Brief,  eine  Zeitungsmitteilung,  ein  Uber  London  zugehendes  Pariser  Telegramm.  Noch  war  die  Sache  ungewiß,
doch  der  Chef  des  Generalstabes,  der  slets  alle  möglichen  Fälle  erwog,  entwarf  schon  am  25.  August  die  Pläne,
um  die  bisherige  Marschrichtung  zu  verändern.  Bereits  der  folgende  Tag  brachte  durch  zweckentsprechende  Anordnungen
  des  sächsischen  Kronprinzen  Gewißheit  und  Fühlung  mit  dem  französischen  Heere.  Sofort  wurde  der
Rechtsabmarsch  beider  Armeen  angeordnet,  um  den  Feind  womöglich  noch  auf  dem  linken  Maasufer  zu  erreichen;
die  dritte  eilte  beschleunigten  Schrittes  über  St.  Menchould.  Es  waren  für  Moltke  Tage  höchster  Spannung  und
sein  schneller  Entschluß  der  folgenreichste  im  ganzen  Kriege;  mit  dieser  plötzlichen  Umschwenkung  von  200,000
Mann  ohne  eine  einzige  Kreuzung  der  Kolonnen  vollbrachte  er  ein  unübertreffliches  Meisterstück.

Als  Mac  Mahon  Gewißheit  erhielt,  daß  die  andere  Armee  noch  in  Meh  eingeschlossen  lag,  wollte  er  nach
Paris  zurück;  doch  neue  Erklärungen  der  Regierung:  ein  Aufgeben  Bazaines  bedeute  die  Revolution  in  Paris,
verführten  ihn  zu  seinem  Unheil  nochmals,  den  verständigen  Gedanken  aufzugeben.  Schlechtes  Wetter  und  zwecklose
  Kreuzmärsche  entmutigten  seine  Soldaten  und  hielten  sie  auf,  während  die  deutschen  Schlachthaufen  mit
gewohnter  Schnelligkeit  herannahten.  Der  Eilmarsch  durch  das  wilde  Waldgebirge  der  Argonnen  inmitten  einer
seindseligen  Bevölkerung  auf  elenden  Wegen  in  strömendem  Regen  bei  sehr  mangelhafter  Verpflegung  mutete  fast
übermäßige  Anstrengung  zu,  aber  sie  spornte  nur  den  Eifer,  endlich  nach  dieser  wilden  Jagd  an  den  Feind
zu  kommen.  Auch  die  Kavallerie  hat  in  diefen  verhängnisvollen  Tagen  Glänzendes  in  rascher  und  geschickter
Aufklärung  geleistet.  Schon  am  28.  und  29.  August  trafen  die  beiderseitigen  Truppen  bei  Buzancy  und  Nouart
aufeinander,  doch  erst  als  die  Spitzen  der  dritten  Armee  gegenwärtig  waren,  gestattete  die  deutsche  Heeresleitung
energischen  Angriff.  Er  erfolgte  am  30.  August.

In  der  Nacht  eingetroffene  Nachrichten  ließen  vermuten,  daß  der  Gegner  bei  Beaumont  standhalten  werde,  um
seinen  übergang  über  die  Maas  zu  decken.  Dorthin  führten  fünf  Wege,  von  denen  der  westlichste  von  Sommauthe
her  von  dem  zuerst  herangekommenen  rechten  Flügel  der  3.  Armee,  dem  1.  bayerischen  Korps,  die  anderen  von  den
Divisionen  des  4.  und  des  12.  Korps  eingeschlagen  wurden,  so  daß  das  4.  die  Mitte  zwischen  den  Bayern  und  den
Sachsen  hielt.  Bei  Beaumont  lagerte  das  V.  Korps,  das  bei  der  drei  Stunden  weit  nördlich  entfernten  Stadt  Mouzon
die  Maas  überschreiten  sollte.  Die  Truppen  waren  erst  um  4  Uhr  morgens  angelangt,  todmatt,  so  daß  ihnen
Failly  einige  Ruhe  gönnen  mußte.  Sorglos,  ohne  Vorposten  aufzustellen,  beschäftigten  sich  die  Franzosen  mit
Kochen  und  anderen  Dingen,  als  ob  sie  friedlich  zu  Hause  säßen.  Plötzlich  erschienen  um  Mittag  die  Vortruppen
des  4.  Korps  unter  Gustav  v.  Alvensleben,  das,  nachdem  es  so  lange  thatenlos  in  Frankreich  umhermarschiert  war,
auf  den  Kampf  brannte.  Um  die  günstige  Gelegenheit  zu  benutzen,  ließ  General  v.  Schöler  sofort  von  der  8.  Division
  (31.,  71.,  86.,  96.  Reg.  und  4.  Jäger)  das  Feuer  eröffnen.  Doch  die  Franzosen  griffen  rasch  zu  den  Waffen,
ihre  Batterien  fuhren  nördlich  von  Beaumont  auf,  während  das  Fußvolk  dem  Feinde  entschlossen  entgegenging.  Ein
sehr  hartnäckiger,  verlustreicher  Kampf,  in  dem  es  mehrmals  bis  zum  Bajonett  kam,  entspann  sich.  Auch  die  7.  Division
  (Groß  v.  Schwarzhoff,  26.,  66.,  27.,  93.  Reg.)  trat  in  das  Gefecht  ein.  Endlich  wurden  die  zwei  Lagerplätze,
dann  die  Stadt  und  von  den  voranstürmenden  Z6ern  ein  drittes  nördlich  von  ihr  befindliches  Lager  genommen.

Beaumont  liegt  frei  in  einem  Thalkessel,  umgeben  von  steilen,  meist  stark  bewaldeten  Höhen,  durch  deren
dichtes  Unterholz  nur  schmale,  vom  Regen  fast  unbrauchbar  gewordene  Wege  führten.  Auf  den  Rücken  stehen
Gehöfte.  Östlich  fließt  die  Maas  durch  eine  schmale  Niederung,  deren  jenseitige  Höhen  die  Franzosen  besetzt  hielten  und
ein  Vorgehen  den  Fluß  entlang  unmöglich  machten.  Da  deshalb  die  Verfolgung  des  Feindes  nur  über  den  Höhenzug
geschehen  konnte,  mußten  die  sperrenden  Fermen  genommen  werden:  links  von  der  Straße  nach  Mouzon  La  Thibaudine
  und  La  Harnoterie,  rechts  etwas  nördlicher  La  Sartelle.  Der  deutsche  Anmarsch  war  trefflich  geordnet;
bald  trafen  links  die  Spitzen  des  1.  bayerischen  Korps  ein.  Als  seine  2.  Division  auf  La  Thibaudine  vorging,
erhielt  sie  unerwartet  Feuer  in  die  linke  Flanke,  da  eine  Division  des  VII.  Korps  (Dumesnil)  herankam.  Die

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