Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Zweiter Teil. (58b)

Bie  östterrrichisch-  ungerische  Menarchic.  (April  10.—13.)  59

wurde  der  öst.-ung.  diplomatische  Vertreter  in  Washington  angewiesen,
von  der  Regierang  der  Ver.  Staaten  seine  Pässe  zu  verlangen  und  mit
dem  Personal  der  Botschaft  das  Land  zu  verlassen.  Dem  hiesigen  amerikanischen
  Geschäftsträger  wurden  die  Pässe  zugestellt.

Die  Wiener  Presse  bezeichnet  diese  Entwicklung  als  logische  Folge
des  eingetretenen  Kriegszustandes  zwischen  Deutschland  und  der  amerik.
Union.  Oesterreich--Ungarn  und  Deutschland  sind  in  allen  Dingen  solidarisch.
  Alle  Versuche,  eine  andere  Haltung  Oesterreich-Ungarns  herbeizuführen,
  waren  und  bleiben  jederzeit  hinfällig.  So  bedauerlich  die  Tatsache
  ist,  daß  eine  Staatenfreundschaft,  die  über  ein  Jahrhundert  währte,
vorläufig  endet,  so  wurde  dies  unvermeidlich,  weil  Wilson,  der  gerade  im
letzten  Aide-Memoire  des  öst.-ung.  Ministeriums  des  Aeußern  an  die  Ver.
Staaten  manchen  Wegweiser  zur  Erhaltung  des  Friedens  hätte  wahrnehmen
können,  Richter  über  den  Frieden  und  nicht  dessen  Schützer  sein  wollte.
Wilson  habe  die  Ver.  Staaten  gegen  alle  Ueberlieferungen  der  amerik.
Politik  mit  Absicht  zum  Kriege  geführt,  um  die  Entscheidung  seinem  Lande
vorzubehalten  und  den  Ausgang  des  Krieges  zu  bestimmen.  Die  Blätter
sprechen  die  feste  Ueberzeugung  aus,  daß  das  Eingreifen  der  Ver.  St.  ebensowenig
  eine  Entscheidung  zugunsten  der  Entente  herbeiführen  werde,  wie  dasjenige
  Italiens  und  Rumäniens,  die  das  gleiche  gewollt  hätten  wie  Wilson.

Durch  den  Abbruch  der  diplomatischen  Beziehungen  zu  den  Ver.
Staaten  wird  es  notwendig,  die  Interessenvertretung  der  Monarchie
  im  feindlichen  Ausland  einer  Neuordnung  zu  unterziehen.  An
Stelle  der  Ver.  Staaten  werden  nunmehr  die  Interessen  Oesterreich-Ungarns
in  Rußland  durch  Dänemark,  in  Frankreich  durch  die  Schweiz,  in  Marokko,
Aegypten  und  Griechenland  (außer  Saloniki)  durch  die  Niederlande,  in
Saloniki  und  Japan  durch  Spanien  vertreten  werden.  Die  Interessenvertretung
  der  Monarchie  in  den  Ver.  Staaten,  in  Großbritannien  und
dessen  Kolonien  übernimmt  Schweden.  Unverändert  bleibt  die  Vertretung
der  Interessen  der  Monarchie  in  Italien  und  Portugal  durch  Spanien,
in  Rumänien  durch  die  Schweiz.  In  Oesterreich--Ungarn  wird  die  bisher
durch  die  Ver.  Staaten  ausgeübte  Interessenvertretung  Frankreichs  und
Italiens  durch  die  Schweiz,  ebenso  diejenige  Rumäniens,  diejenige  Großbritanniens
  und  Japans  durch  Spanien  besorgt  werden.  Die  Vertretung
der  Interessen  der  Ver.  Staaten  von  Amerika  in  der  Monarchie  geht
Leichsalls  in  die  Hände  Spaniens  über.  Unverändert  bleibt  die  bisherige

ertretung  Serbiens,  Rußlands,  Belgiens  und  Portugals  durch  Spanien
sowie  diejenige  Montenegros  durch  Griechenland.

10.  April.  Kaiser  Karl  besucht  die  Isonzofront  und  Triest.
12.  April.  Kaiser  Karlernennt  den  Gen.  d.  Inf.  Rudolf  Stöger-Steiner
  Edlen  v.  Steinstätten  zum  gem.  Kriegsminister.

Der  neue  Kriegsminister  trug  als  Führer  der  4.  Inf.-Division  zu
Beginn  des  Kriegs  wesentlich  zu  den  Erfolgen  des  Feldzugs  in  Südpolen
bei.  Nach  Italiens  Kriegserklärung  trat  er  als  General  der  Infanterie  an
die  Spitze  eines  Korps  an  der  Isonzofront,  wo  er  in  vielen  Schlachten  den
Italienern  zähen  Widerstand  leistete.

12.—13.  April.  (Wien.)  ÖOsterr.-deutsche  Beratungen  über  die
Lebensmittelversorgung.

Das  „k.  k.  Tel.-Korr.-Bur.“  meldet:  Unter  dem  Vorsitz  des  Ministers
des  Aeußern  Grafen  Czernin  fanden  am  12.  und  13.  April  im  Ministerium
des  Aeußern  Beratungen  der  Vertreter  der  interessierten  Ressortstellen  der