Contents : Bismarck. Sein Leben und sein Werk.

Ernste  Stunden  des  „tollen“  Junkers  49

Auch  pflegt  nur  große  Naturen  die  schmückende  Sage  mit
geschichtlicher  Dramatisierung  auszuzeichnen:  an  Bismarcks  Ruf
und  Bild  prägte  sie  immer  wieder  die  Selbstbehauptung  aus,
die  den  Grundzug  seines  Wesens  bildete  und  die  in  der  weitatmigen
  Natur  von  Kniephof  freien  Raum  zu  voller  Ausgestaltung
  seines  Wesens  und  Wollens  fand.

Man  würde  sich  auch  täuschen,  wenn  man  Bismarck  nur
darnach  beurteilte,  was  über  ihn  nach  außen  drang,  wenn
man  glauben  würde,  er  habe  sich  dauernd  von  den  Dämonen
der  Einsamkeit  und  der  Stimmungen  unterkriegen  lassen.  Der
Einsame  fand  gute  Freunde:  die  Bücher  waren  die  besten  Genossen
  des  nach  Erkenntnis  und  Seelenruhe  trachtenden  Mannes.
  Er  las  sehr  viel  und  erhielt  häufige  Zusendungen  von  seinem
Buchhändler,  vor  allem  historische  Werke,  aber  auch  theologische
und  philosophische  Schriften,  wie  er  namentlich  Spinoza  gründlich
  studierte.  Auch  Strauß,  Feuerbach,  Sallet,  Byron,  Lenau
und  Grün  gesellten  sich  hinzu.  In  diesen  stillen  Stunden  faßte
vieles  an  Wissen,  Denken  und  Empfinden  in  seinem  Innern
Wurzel  und  senkte  sich  in  seine  Seele,  was  in  den  Tagen,  da
er  sich  den  Großen  der  Geschichte  zugesellte,  zur  Bewunderung
aller  derer,  die  Größe  selbstlos  schätzen,  so  frisch,  so  belebend
und  begeisternd  ans  Licht  trat.

Auch  der  Staat  mit  seinen  Pflichten  zog  ihn  immer  wieder
an.  Seit  1841  war  er  zweiter  Deputierter  des  Naugarder
Kreises.  Er  mußte  allerlei  Zeit  und  Kraft  auf  mannigfache
Kreisarbeit  verwenden  und  vertrat  häufiger  seinen  Bruder,  der
Landrat  warz  er  tat  auch  das  mit  dem  Humor,  der  ihm  eigen
war.  Als  Kreisdeputierter  hatte  er  einmal  den  Patron  von
Külz  —  das  war  er  selber  —  zu  laden;  er  vermochte  solch
seltsame  Ladung  nicht  auszuführen;  doch  die  Regierung  zwang
ihn  mit  Exzitatorium  und  Ordnungsstrafe.  Das  Protokoll,  in
welchem  der  Kreisdeputierte  Otto  von  Bismarck  den  Patron
von  Külz  gleichen  Namens  seine  Vorhaltungen  machte  und  der
letztere  sie  zurückwies,  wurde  doppelt  von  ein  und  demselben
unterschrieben  und  genehmigt.  —  Mit  gleichem  Humor  schrieb
er  in  einem  Gutachten  über  Expropriation:  „Sie  können  es  mir

A.  Matthias,  Bismarck  4