Full text : Demokratie und Kaisertum.

gegen  die  Sozialdemokratie  halten,  sind  sich  einig,  daß  das  viele  Getöse
von  Revolution  nichts  als  Phrase  ist.  Die  Masse  des  Volkes  hat  es
längst  begriffen,  daß  das  Jahr  1848  das  Ende  der  Revolutionen  für
Deutschland  gewesen  ist.  Es  gibt  nirgends  heimliche  Komitees,  nirgends
den  Versuch  Waffen  zu  sammeln.  Während  Rußland  kocht  und  gärt,
während  dort  Chemie  und  Technik  sich  der  Verbreitung  des  politischen
Schreckens  zur  Verfügung  stellen,  denkt  in  Deutschland  kein  einziger
organisatorisch  befähigter  Kopf  über  Revolution  nach.  Diese
einfachen  und  klaren  Tatsachen  werden  von  niemand  bestritten.  Es  ist
aber  bei  der  großen  prinzipiellen  Wichtigkeit  dieser  Frage  trotzdem  von
Wert,  sich  die  Gründe  genauer  zu  vergegenwärtigen,  warum  die  früher
vorhandenen  revolutionären  Neigungen  eingeschlafen  sind  und  selbst  durch
das  Beispiel  des  Nachbarvolkes  nicht  wach  gerufen  werden.

Das  wesentliche  ist,  daß  wir  durch  die  früheren  Revolutionen  und
ihre  Nachwirkungen  soviel  demokratische  Dolksrechte  bekommen  haben,
daß  die  Stimmung  des  Dolkes  sich  ohne  vulkanische  Ausbrüche  deutlich
machen  kann.  Der  Stimmzettel  ist  ein  großes  Sicherheitsventil  gegen
Revolutionen.  In  Tändern  ohne  Wahlrechte,  in  rein  konservativ  und
absolutistisch  regierten  Ländern  zwingt  die  politische  Aussichtslosigkeit  zu
verzweifelten  WMitteln.  Welche  Länder  sind  von  Revolution  bedroht?
Etwa  England  und  Amerikabd  Nein,  aber  Rußland,  das  Land  konservativster
  Kultur!  Ein  Dolk,  das  einen  Mkassenprotest  bei  Wahlen  erheben
kann,  denkt  nicht  an  Gewalttaten.

Dazu  kommt  ein  zweites.  ze  mehr  der  Großbetrieb  fortschreitet,
desto  weniger  ist  der  Charakter  der  Menschen  für  Straßenkämpfe  und
dhnliches  gestimmt.  Der  verzweifelte  Kleinbauer,  der  Jahrzehnte  für
sich  in  seinem  Winkel  geduldet  hat,  kann  am  Tage  großer  Aufregung
zum  wilden  Tiere  werden,  der  zerbrochene,  verelendete  Hleinhandwerker
stellt  seinen  armen  Körper  mit  tollen  Reden  auf  die  Barrikade,  wenn  es
der  Sug  der  Dinge  mit  sich  bringt,  der  Großbetriebsarbeiter  aber  ist
von  dieser  Art  von  Desperation  weit  entfernt.  Er  kennt  sich  als  Glied
eines  Organismus  und  glaubt  nicht  an  die  wunderbare  Gewalt  rollender
LCeidenschaft.  Tirgends  in  der  Welt  hat  diese  Art  von  Wenschen  bisher
Revolution  gemacht.  Auch  ist  es  falsch  zu  sagen,  daß  diese  Arbeiter