Contents : Der Deutsche Reichstag.

—  228  —

Monument  zum  Gedächtnis  des  großen  Jahres,  in  welchem  das  deutsche
Kaiserreich  neu  erstanden  ist,  errichtet  werde.

Da  jedoch  die  Vorbereitung  und  Ausführung  eines  solchen  monumentalen
  Baues  eine  längere  Reihe  von  Jahren  erfordert,  die  weitere
Benutzung  der  überaus  mangelhaften  Räume  des  Abgeordnetenhausesaber
mit  großen  Uebelständen  verknüpft  gewesen  wäre,  so  wurde  am  Schlusse
der  ersten  Reichstagsession  die  Errichtung  eines  einstweiligen  Reichstagsgebäudes
  beschlossen  und  dank  der  eifrigen  Förderung  seitens  des
Reichskanzlers  Fürsten  von  Bismarck  in  der  kurzen  Zwischenzeit  von
einigen  Monaten  trotz  erheblichen,  unerwarteten  Schwierigkeiten  glücklich
vollendet.

Dieser  Parlamentsbau  ist  ein  schönes  Zeugnis  von  der  außerordentlichen
  Leistungsfähigkeit  unserer  Berliner  Architekten  und  Handwerker.
  Wenn  schon  der  in  vierzehn  Tagen  für  den  Einzug  der
Truppen  hergestellte  Schmuck  der  Siegesstraße  Zeugnis  davon  ablegte,
daß  Bismarcks  Wort  „er  werde  sich  Architekten  aus  Wien  oder  London
kommen  lassen  müssen,“  zu  den  etwas  starkgeflügelten  gehörte,  so  zeigte,
was  hier  in  drei  Monaten  unter  den  schwierigsten  Verhältnissen  geleistet
  worden,  in  schlagendster  Weise,  daß  unsere  heimischen  künstlerischen
  Kräfte  sehr  wohl  der  schnellgestaltenden  Entwickelung  unseres
Staatslebens  zu  folgen  im  stande  sind.  Nur  freilich  mußte  man
auch  hier  den  Mut  haben,  mit  der  schwerfälligen  Verwaltungsmaschinerie
zu  brechen  und  die  richtigen  Leute  an  die  richtige  Stelle  zu  setzen.
Bismarcks  Wort  hatte  sich  auf  ein  Gutachten  bezogen,  das  die  Ministerial-Baukommission
  mit  der  Forderung  eines  weit  längeren  Termins
  abgegeben  hatte.  Im  entscheidenden  Augenblicke  trat  der  Oberbaurat
  Hitzig  ein  und  legte  nach  zwei  Tagen  das  Projekt  vor,  das
noch  gerade  während  der  letzten  Stunde  des  Parlaments  genehmigt
werden  konnte.

Durch  das  Hinzuziehen  anderer  Baumeister,  besonders  des  Professors
  Gropius  und  Schmieden  wurden  für  den  Bau  tüchtige  Kräfte
aus  dem  Kreise  der  selbständig  arbeitenden  Berliner  Architekten  gewonnen
  und  so  im  harmonischen  Zusammenwirken  unter  Hitzigs
Leitung  ein  Werk  vollendet,  das  nicht  nur  den  gestellten  Anforderungen
auf  das  Vollkommenste  entsprach,  sondern  auch  trotz  der  gewaltsamen
Beschleunigung  künstlerisch  durchgebildet  war.

Das  Gebäude  der  Porzellanmanufaktur  mußte  erst  von  den  seit
mehr  als  einem  Jahrhundert  dort  aufgespeicherten  Vorräten,  Formen
und  Gerätschaften  geräumt  werden.  Kaum  waren  die  Arbeiten  im
Gange,  als  die  Arbeitseinstellungen  der  Bauhandwerker  begannen,  die